Adenauer holt die Kernforscher nach Karlsruhe

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Der Atomversuchsreaktor wird innerhalb von sechs Wochen genehmigt

Für die Enkelgeneration klingt es unglaublich: Da wird der Bau einer Atomanlage beantragt – und die Behörden sagen innerhalb von Wochen „Ja“ dazu. Doch genau so läuft es im Jahr 1957, als vor den Toren Karlsruhes der erste deutsche Eigenbau-Forschungsreaktor geplant ist. „Das Baugesuch wurde am 20. Februar 1957 eingereicht“, sagt Klaus Nippert, Historiker und Archivleiter am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Nur rund sechs Wochen später entsteht ein denkwürdiges Foto: Landrat Josef Groß überreicht die Baugenehmigung mit Datum 6. April an Gerhard Ritter, den Geschäftsführer der „Kernreaktor Bau- und Betriebsgesellschaft“. Schon eine Woche später rücken die Holzfäller im Hardtwald bei Leopoldshafen an und schaffen Platz für die „Wiege der deutschen Atomforschung“. Es ist eine Zeit, in der das Wort „Atomkraft“ bei vielen Menschen friedliche und wohlige Vorstellungen weckt.

Es kursieren Fantasien von atomkraftbetriebenen Flugzeugen und von „Baby-Reaktoren“, die Häuser beheizen. Atomkraft-Schwärmer träumen davon, Wüsten zu bewässern und Polargebiete bewohnbar zu machen. Auch die Sozialdemokraten hoffen auf „Wohlstand für alle“.

Die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs haben die Atomforschung in Deutschland zunächst ausgebremst. 1955 wollen Bundeskanzler Konrad Adenauer und Franz Josef Strauß, frisch gebackener Bundesminister für Atomfragen, den Rückstand rasch aufholen. Doch um den Standort für den eigenen Versuchsreaktor entbrennt ein bitterer Streit. München und Karlsruhe konkurrieren um den Zuschlag.

Physik-Nobelpreisträger Werner Heisenberg macht Druck für München, wohin es seine Arbeitsgruppe vom Max-Planck-Institut in Göttingen zieht. Adenauer entscheidet im Sommer 1955 zugunsten Badens. Die jubelnden Karlsruher sind überzeugt: Oberbürgermeister Günther Klotz und Co haben die Besucherdelegation um den Finger gewickelt. Tatsächlich fragte Adenauer vorher bei den Nato-Militärs nach. Ergebnis: Karlsruhe passt. München liegt zu nahe an der tschechischen Grenze.

Der Karlsruher Gemeinderat stimmt im September 1955 mit 43:6 Stimmen für die Reaktorstation. „Man merkte schnell, dass es auch kritische Stimmen gab“, berichtet Historiker Nippert. „Die Stadt Karlsruhe hatte deshalb bei Emnid eine Umfrage bei der Bevölkerung in Auftrag gegeben: 63 Prozent der Männer befürworteten das Projekt und 27 Prozent der Frauen.“ Entschiedene Gegner sind damals nur 15 beziehungsweise 30 Prozent der Befragten, der Rest ist unentschlossen.

Unfassbar ist aus Sicht der Nachgeborenen die Bauplatz-Wahl: Karlsruhe bietet für den Versuchsreaktor eine hochwassergefährdete Fläche am Rhein bei Maxau an. Im Folgejahr wird klar: Ein Ersatzgelände muss her. Das wird bei Leopoldshafen gefunden. „Wichtig war aber auch die Größe des Geländes“, sagt Nippert. „Man merkte, dass man mehr Platz brauchte.“ Strahlenschutz-Grenzwerte gibt es noch nicht, aber ein Bewusstsein für die Gefahr durchaus. Vor allem die Friedrichstaler protestieren gegen den Versuchsreaktor in ihrer Nachbarschaft. „Es waren dieselben Argumente wie heute auch, vor allem die ungesicherte Entsorgung“, erinnert sich Dieter Hengst, Friedrichstaler Kenner der Ortsgeschichte. Das rasche Genehmigungsverfahren 1957 können die Widerständler letztlich nicht abwenden. Später arbeiten Tausende aus den Umlanddörfern im Kernforschungszentrum Karlsruhe, wie es nach zwei Namenswechseln heißt.

Der Heisenberg-Schüler Karl Wirtz leitet in Karlsruhe den Aufbau des „Forschungsreaktor 2“ (FR 2), des ersten deutschen Eigenbau-Projekts. „Anfangs war das eine 50:50-Partnerschaft von Industrie und Staat“, betont Historiker Nippert. „Aber die Kosten explodierten – die Industrie ist da nicht mitgegangen und hat 1963 ihre Anteile am Zentrum dem Staat geschenkt.“ Der FR 2 geht 1961 in Betrieb. Sechs kerntechnische Anlagen folgen, darunter eine Versuchsanlage für den Schnellen Brüter in Kalkar. Die Wiederaufarbeitungsanlage für Kernbrennstoffe Karlsruhe (WAK) probt ab 1971 für das später gescheiterte Projekt in Wackersdorf. 2001 macht der „Plutonium-Dieb“ Schlagzeilen: Ein Arbeiter ließ beim WAK-Rückbau ein Röhrchen mit radioaktivem Material mitgehen – und verstrahlt sich selbst, seine Lebensgefährtin und deren Kind.

Anti-Atom-Proteste und Katastrophen wie Tschernobyl lassen in den 1980ern auch Reste der Atomkraft-Euphorie verpuffen. Der Bund stellt das Kernforschungszentrum in der Energie- und Umweltforschung breit auf, streicht 1995 den „Kern“ aus dem Namen. 2006 landen Forschungszentrum und Universität Karlsruhe den Coup: Sie vereinbaren die Fusion zum KIT – und bescheren Karlsruhe so den Sieg im Elite-Wettbewerb der Universitäten. Das hochgiftige Erbe des Kernforschungszentrums aber ist geblieben.

Der Rückbau der Alt-Reaktoren verschlingt jährlich dreistellige Millionenbeträge. Mehr als 75.000 Fässer mit radioaktivem Müll stehen noch am Ex-Kernforschungszentrum – ein Endlager ist in weiter Ferne. Sylvia Kotting-Uhl, Karlsruher Bundestagsabgeordnete der Grünen und als Ausschussvorsitzende fürs Thema Nukleare Sicherheit zuständig, zieht ein düsteres Zwischenfazit: „Die Beendigung des gescheiterten Karlsruher Atomkapitels wird wohl mehr als fünf Milliarden Euro kosten und der Rückbau, anders als zunächst vorhergesagt, bis in die 2060er Jahre andauern.“

Quelle: BNN vom 15.5.2021 – von unserem Redaktionsmitglied Elvira Weisenburger

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