Alles ist einsehbar

BNN-Interview

Gorleben als Standort für ein Atommüll-Endlager – der Plan scheiterte krachend. Mit einem neuen Prozess soll alles besser und transparenter werden. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl erklärt, warum es aber zeitlich eng werden dürfte.

Sie hat mitbekommen, was krachend scheiterte und war beim neuen Anlauf eng dabei: Sylvia Kotting-Uhl. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete aus Karlsruhe saß im Untersuchungsausschuss, der die gescheiterte Festlegung auf Gorleben als Atom-Endlager analysierte. Innerhalb der “Kommission Lagerung hoch radioaktiver Abfallstoffe” arbeitete sie am neuen Konzept. Das setzt nun auf Transparenz und Beteiligung. Im Gespräch mit BNN-Redakteur Sebastian Raviol erklärt Kotting-Uhl, wieso Gorleben scheitern musste und warum es mit dem neuen Konzept zeitlich eng werden dürfte.

Sie hatten es im Untersuchungsausschuss zu Gorleben mit 2.800 Aktenordnern zu tun. Lässt sich kurz zusammenfassen, was damals alles schiefging?

Das wäre sehr ambitioniert (lacht). Wir haben drei Jahre lang getagt. Der erste Fehler war, dass man den Standort ausgewählt hat, ohne es gut zu begründen. Der niedersächsische Ministerpräsident Albrecht hat einfach auf einen Punkt auf der Landkarte gezeigt und gesagt: Da kommt es hin. Man dachte, es ist eine dünn besiedelte und konservative Gegend, die freuen sich über Arbeitsplätze und halten still. Ein historischer Irrtum, alle haben sich verbündet.

Das war dann neben der politischen die gesellschaftliche Komponente.

Man hat Menschen belogen, gekauft und Spaltung in die Gesellschaft gebracht. Das zog sich durch, später wurden Demos mit Polizeigewalt niedergeknüppelt. Dadurch hat man eine ganze Gegend in den Widerstand getrieben. Die Folge ist ein so unglaubliches Misstrauen gegenüber Behörden und Politik, das wird es uns auch bei diesem Prozess schwermachen.

Sie nannten es “Lug und Trug” und die “Methode Gorleben”. Wie kann verhindert werden, dass sich das wiederholt?

Wir haben versucht, das Gegenteil der Methode Gorleben zu entwerfen. Anders als beim Finger auf der Landkarte geht es um eine vergleichende wissenschaftliche Auswahl. Wissenschaftliche Kriterien sind vorher festgelegt. Und die Schlüsselbegriffe sind Transparenz und Partizipation. Alles muss einsehbar sein. Das ist unglaublich aufwendig, aber anders wird die Suche in Deutschland scheitern.

Base-Präsident König nennt das Verfahren “weltweit einmalig”. Ist das nicht ein bisschen hoch gehängt?

Das ist wirklich so. Unter Umweltminister Trittin wurde es Anfang der Nullerjahre entwickelt, die Schweiz hat es zuerst übernommen. Die deutsche Seite der grenznahen Standorte ist aber mit der Partizipation nicht zufrieden. Wir wollen das besser machen. Wenn es auch nur den Anschein gibt, dass etwas nicht offen ist, kann man es vergessen.

Egal, wo der Standort sein wird: Die Verantwortlichen rechnen mit Protesten. Droht dem Südwesten ein Endlager?

Baden-Württemberg hat Tongestein, auch im Rheingraben. In Niedersachsen zum Beispiel gibt es mehr Ton, auch viel Salz. Das Endlager wird aber nicht dort sein, wo es die meisten potentiellen Standorte gibt, sondern wo der beste ist. Wir alle haben den besten Schutz, wenn wir den bestgeeigneten Standort wählen – wo immer der ist.

 

Quelle: Badische Neuste Nachrichten

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