Atomarer GAU: Offenbarungseid einer Überforderung

Situation in Tschernobyl

Am 26. April 2015 jährt sich zum 29. Mal die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl (dazu: Kleine Anfrage zur Aktuellen Situation in der Ukraine) und beweist vor allem eins: Die Staatengemeinschaft ist mit der Bewältigung eines atomaren GAUs komplett überfordert. Auch knapp 30 Jahre nach dem Unfall gibt es gravierende Problemfelder an der Atomanlage und auf dem Gelände.

Eines der drängendsten Probleme ist die Finanzierungslücke für den sogenannten neuen sicheren Einschluss des explodierten Reaktors 4. Über dem damals schnell errichteten alten und mittlerweile maroden Sarkophag soll die neue Schutzhülle errichtet werden und die Radioaktivität sicher einschließen. In dem havarierten Kraftwerksblock liegen noch immer die Kernbrennstäbe und weitere kontaminierte Materialien. Die Bundesregierung muss jetzt im Rahmen ihrer G7-Präsidentschaft Gelder für die Fertigstellung sammeln.
Doch damit endet die tatsächliche Tragweite der Überforderung nicht. Auch über ein Vierteljahrhundert nach dem Unfall sind technische Anlagen zur Behandlung und Entsorgung von radioaktiven Abfällen und abgebrannte Brennelementen erst im Bau, im Probebetrieb oder in einer ersten Betriebsphase. Dies führt dazu, dass noch nicht einmal die drei weiteren Reaktorblöcke auf dem Gelände kernbrennstofffrei sind.

Im vergangenen Jahr wurde auf Bitten der Ukraine ein NATO-Expertenteam an die AKW-Standorte entsandt. Danach wurden vier Empfehlungen von den ukrainischen Behörden als prioritär eingestuft. Dazu gehören u.a. die Einrichtung eines einheitlichen automatisierten Systems zur Überprüfung radiologischer Messwerte und die Entwicklung eines Systems der zivilen Notfallplanung – und das in dem Land mit dem ersten Super-GAU!
Auch gibt es für die Entnahme und Entsorgung der kontaminierten Materialien aus den Reaktoren noch keinen Zeitplan. Darüber hinaus soll die Ukraine mit dieser unglaublichen Aufgabe aus Kostengründen allein gelassen werden. In der derzeitigen Krisensituation und wenn man sich – trotz Unterstützung der Staatengemeinschaft – die Fortschritte in den letzten Jahrzehnten in Tschernobyl anschaut, kann man sich kaum vorstellen, dass das problemlos vonstattengehen soll. Mit weiterer finanzieller Unterstützung wird zu rechnen sein.

Weitere Problemfelder: Vier Jahre nach Fukushima

Vor wenigen Wochen jährte sich auch die Nuklearkatastrophe von Fukushima zum vierten Mal (dazu: Bericht Fachgespräch  und ein Analyse- und Hintergrund-Papier). Über 100.000 Menschen mussten damals das Gebiet verlassen, viele konnten bis heute nicht in ihre Heimat zurück. Die, die zurückkehren konnten oder mussten, fanden ein vom Reaktorunglück verseuchtes Gebiet ohne lokale Wirtschaft und soziales Gefüge vor.
Auch hier ist die Situation auf dem Gelände weiterhin prekär. Noch immer ist unklar, wo sich der geschmolzene Kernbrennstoff befindet. Die Entsorgungsarbeiten werden mindestens noch 30 bis 40 Jahre dauern. Erst kürzlich sind radioaktive Partikel im Meer vor der nordamerikanischen Westküste gemessen worden, die Wissenschaftlern zufolge der japanischen Kernschmelze zuzuordnen sind. Fukushima hat der Welt gezeigt, dass Atomkraft nicht beherrschbar ist.

Besorgniserregende Zustände in europäischen AKWs

Aus gutem Grund wurden nach Fukushima die acht anfälligsten AKWs in Deutschland sofort stillgelegt. Einige AKWs in Europa, gerade auch grenznahe zu Deutschland, sind in ähnlich schlechtem Zustand (dazu: Vorsicht, AKW in der Nachbarschaft !). So wurden etwa in den belgischen Atomkraftwerken Doel-3 und Tihange-2 zahlreiche Risse (dazu: Belgische AKW voller Risse) und im französischen Cattenom (dazu: Risiko besteht weiterhin) viele Mängel wie etwa unzureichender Überflutungsschutz und ungenügende Erdbebensicherheit entdeckt.
Das Weiterbetreiben dieser Anlagen birgt nicht nur für die Menschen vor Ort unbeherrschbare Risiken, sondern auch für die deutsche Bevölkerung. Vor allem der Westen Deutschlands wäre von einem Unfall besonders betroffen. Nur durch eine umgehende Abschaltung grenznaher Risikomeiler kann der Schutz der Bevölkerung gewährleistet werden.

Neue AKWs auf Kosten der SteuerzahlerInnen?

Während allein schon die Sicherheitsrisiken die Nutzung von Atomkraft unverantwortlich machen, wird immer deutlicher, dass Atomstrom auch ökonomisch irrsinnig ist. Obwohl nicht vereinbar mit europäischem Wettbewerbsrecht, hat die EU-Kommission der britischen Regierung 2014 genehmigt, die britischen SteuerzahlerInnen für finanzielle Unsicherheiten beim Bau des AKW Hinkley Point C aufkommen zu lassen (dazu: Kniefall vor der Atomlobby), indem sie die Anlage über Jahrzehnte mit Milliarden subventionieren und für deren Baukosten bürgen sollen.
Die grüne Bundestagsfraktion hat erst im März 2015 erneut einen AntragSubventionen für britisches Atomkraftwerk Hinkley Point C stoppen und rechtliche Schritte einlegen” in den Bundestag eingebracht, in dem sie die Bundesregierung dazu auffordert, eine Klage gegen die Entscheidung einzulegen.

Die Bundesregierung muss sich stärker dafür einsetzen, dass grenznahe Schrottmeiler abgeschaltet und neue Wahnsinnsprojekte gar nicht erst umgesetzt werden. Tschernobyl und Fukushima zeigen, wie überfordert die internationale Staatengemeinschaft mit den Nachwehen eines atomaren GAUs ist.

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