Bericht über Japan-Reise im Mai 2011

Auf Einladung der Japanischen Grünen machte ich vom 15. bis 20. Mai eine Reise durch die Präfektur Fukushima an und in der 30 km-Zone, die Präfektur Shizuoka in der die gefährdeten AKW von Hamaoka stehen, die Städte Tokio, Osaka und Kyoto. Zwei Monate nach dem GAU von Fukushima Daichi hatte ich so die Gelegenheit mich vor Ort zu überzeugen, ob und wie das Erlebnis des atomaren Unfalls die japanische Gesellschaft verändert.

Meine Mission auf dieser Reise war darzustellen wie Atomausstieg und Energiewende funktionieren können. Dabei sollte ich auch die Rolle der Bürgerbewegungen und der Grünen in Deutschland beleuchten und so entsprechende Bewegungen in Japan motivieren.

Mein Sechs-Tage-Programm war sehr dicht – bestehend aus meinen Vorträgen auf Konferenzen, Treffen mit Bürgerbewegungen und Grünen vor Ort, Gesprächen mit von der Katastrophe Betroffenen, ehrenamtlichen Helfern und Verwaltung, Besichtigungen, Strahlungsmessungen und Interviews.

Japan hat bisher keine Demonstrationskultur. Für die eigenen Anliegen auf die Straße zu gehen, laute Forderungen zu stellen und die Regierung zu kritisieren, entspricht nicht der japanischen Mentalität. Von daher sind Demonstrationen mit 15.000 TeilnehmerInnen nach dem GAU von Fukushima für dieses Land eine kleine Revolution. Es gibt erste Ansätze von Bürgerbewegungen. Die Erfahrung eines atomaren Unfalls, dazu das Erleben der Desinformation durch die Regierung politisiert Menschen, wenn auch bisher alles andere als flächendeckend. Aber es tut sich etwas in der japanischen Gesellschaft. Erschütternd für die Menschen ist auch der plötzliche Verlust an Vertrauen in eine Hochtechnologie, der man blind vertraut hat und auf die man angewiesen zu sein glaubt.

Seinen (immensen) Strombedarf hat Japan bislang zu 26% aus Atomstrom gedeckt, zu 25% mit Kohle, 28% mit Gas, knapp 11% mit Erdöl und zu 7,8% mit Wasserkraft. Sonstige Erneuerbare Energien kommen bisher so gut wie nicht zum Einsatz. Der Strombedarf steigt seit Jahrzehnten kontinuierlich an. Da Japan nirgendwo frei von der Gefahr von Erdbeben ist, liegen alle 54 Reaktoren in mehr oder weniger stark erdbebengefährdetem Gebiet. Als Reaktion auf den GAU sind neben den nicht mehr funktionierenden Reaktoren derzeit auch die Reaktoren von Hamaoka vom Netz, fünf durch tektonische Bewegungen besonders gefährdete Reaktoren. Der wegfallende Atomstrom wird durch zugeschaltete Erdölkraftwerke ersetzt. Effiziente Nutzung von Energie war in Japan bisher kein Thema. Einsparpotentiale sind schon mit oberflächlichem Blick erkennbar.  Japan hat alle naturgegebenen Möglichkeiten zu einer Energiewende: Sonne, Wind, Wasser, erschließbare Erdwärme, Küsten für die Anwendung der noch zu entwickelnden Meereswellentechnologie. Dazu als Hochtechnologie- und Forschungsstandort auch alle technisch-wissenschaftlichen Voraussetzungen. Der Atomausstieg müsste in Japan mit Hamaoka beginnen.

Die japanischen Grünen hatten diese Reise organisiert, um für den Atomausstieg und die Energiewende, die Bildung von Bürgerbewegungen und für eine grüne Partei  zu werben. Das ist in dieser Woche gut gelungen, der Kontakt und die Unterstützung durch die deutschen Grünen muss aber erhalten und ausgebaut werden.
Für Deutschland nehme ich eine zweite Lehre aus dem GAU von Fukushima mit. Die erste war: Wenn ein Hochtechnologie-Land wie Japan nicht in der Lage ist seine Atomkraftwerke vor Naturgewalten zu schützen, dann muss jedes Land das Risiko der Atomkraft Ernst nehmen. Die zweite, die mir erst durch die Gespräche mit politisch Verantwortlichen in Japan und durch die häufig zu hörende Klage von BürgerInnen über die mangelnde Information bewusst wurde: Jede Regierung wäre mit den Auswirkungen eines gravierenden atomaren Unfalls überfordert. Die japanische Desinformationspolitik ist nicht das Problem Japans, sondern das Problem der Atomkraft.

Sylvia Kotting-Uhl,  Mai 2011
 

Die Reise nach Fukushima 2011

 

Samstag,  14. Mai:  Berlin – Helsinki – Tokio

1. Tag – Tokio

Ankunft am Vormittag in Tokio Hanita. Abgeholt werde ich von dem japanischen Grünen “Ricky”. Er ist der Organisator, kümmert sich darum, dass die Abläufe klappen und platziert Interviews um, wenn plötzlich das deutsche “Morgenmagazin” dazwischen kommt.

Mit ihm ist Nobuko Taguchi am Flughafen, eine feine ältere Dame, die eine Zeitlang mit ihrem Mann, einem Professor, in Freiburg gelebt hat. Sie erinnert mich an deutsche Frauen nach Tschernobyl. Aufgerüttelt durch Fukushima, wurde sie aktiv und schloss sich den japanischen Grünen an. Diese beiden sind meine ständige Begleitung während der Reise.

Am Nachmittag stößt Tomoyuki Takada zu uns, ein professioneller Dolmetscher, der auch schon Helmut Kohl begleitet hat. Er stammt aus Kyoto, lebt mit seiner deutschen Frau in Nordrhein-Westfalen und wurde kurzerhand von Frau Taguchi engagiert.  Ihm merkt man an, dass er schon länger in Deutschland lebt – er ist offensiver als das in Japan üblich ist und voller Zorn auf das was in seinem Land nach dem GAU (nicht) passiert.

Japan, Fukushima im Mai 2011 (Foto: Rikiya Adachi)]Ab 18.30h dann die erste große Konferenz mit 350 TeilnehmerInnen im Olympic Center. Außer mir referieren Tetsuya Iida vom “Institute for Sustainable Energy Policies” und Mieko Takenobu, Professorin an der Universität Waka. Sie spricht über die sozialen Folgen des GAUs. Ihre Kernaussage: die Frauen sind besonders betroffen. In der landwirtschaftlich geprägten Präfektur Fukushima ist die traditionelle Rollenverteilung noch sehr präsent. Frauen nehmen sich und ihre Bedürfnisse eher zurück, auch in den Notunterkünften. Sie sind diejenigen, die hauptsächlich die landwirtschaftlichen Tätigkeiten ausgeübt haben. Gedanken an die Zukunft führen zu Depressionen, auch bei Männern. In den Notunterkünften gibt es keine Privatsphäre, was zusätzlichen Stress auslöst. Frau Takenobu rechnet auch mit Diskriminierungen der Menschen aus dem Sperrgebiet und berichtet, dass manche bereits fürchten, zukünftig nur noch untereinander heiraten zu können. Sie beklagt, dass die Hilfe für die Flüchtlinge auf der materiellen Ebene bleibt und zum Beispiel keine notwendigen psychologischen Beratungsstellen eingerichtet werden.

Herr Iida ist ein japanische Pionier für Erneuerbare Energien. Er wirbt für eine japanische Energiewende.
In der Diskussion kommen aus den Reihen der Zuhörer viele vertiefende Fragen an mich wie die deutschen Grünen den Atomausstieg erreicht haben, wie wir den Atomstrom ersetzen, wie die Bürgerbewegungen entstanden sind, wie in Deutschland auf Tschernobyl reagiert wurde und was Fukushima für uns bedeutet. Diese Fragen kommen während der sechs Tage immer wieder.

2. Tag – Präfektur Fukushima

Japan, Fukushima im Mai 2011 (Foto: Rikiya Adachi)Wir brechen früh auf, nehmen den Shinkansen bis Fukushima, fahren dann in Autos weiter. Wir sind eine größere Gruppe, haben Messgeräte und Schutzanzüge dabei.

Von der Stadt Fukushima, die 80 km von Fukushima Daichi entfernt ist, fahren wir nach Südwesten. in der Stadt ist die Strahlung niedrig, unter 1 µSv, direkt über Abflussgittern messen wir auch mal 3 µSv. Noch 50 km von den havarierten Reaktoren entfernt, haben wir stabil annähernd 3 µSv innerhalb des Autos. Wir sehen immer häufiger trockene Reisfelder. Der Anbau ist gestoppt, weil sich die Erträge nicht verkaufen lassen. Wir fahren in die 30 km-Zone und biegen nahe der Küste nach Norden ab. Es gibt keine Hinweistafeln oder Warnungen beim Betreten der 30 km-Zone. Die Gegend wirkt leer, aber auch eigenartig unversehrt. Kurz vor der Küstenstadt Shinchi werden wir erstmals mit der Hinterlassenschaft des Tsunami konfrontiert. Hohe Haufen zusammen geschobenen Mülls, der einmal das Leben von Familien ausgemacht hat. Je näher wir dem Meer kommen, um so wüster wird die Szenerie. Schließlich sind wir an dem völlig verwüsteten Hafen Soma. Riesige Hafengebäude sind zerfetzt, Schiffe liegen auf Restdächern oder –Terrassen. Auch hier ist schon viel aufgeräumt worden, der Eindruck trotzdem: Weltuntergang!

Wir haben eine Verabredung mit einer ehrenamtlichen Helferin, die sich normalerweise um von depleted uranium geschädigte Kinder aus dem Irak kümmert. Jetzt unterstützt sie eine Bäuerin, deren etwas höher gelegener Hof den Tsunami vergleichsweise unbeschadet überstanden hat. Die Bäuerin macht sich Sorgen um ihr Gemüse, das sie in ihrem Garten zum Eigenverzehr anbaut. Wir messen: 0,5 µSv – zu hoch. Sie wird es trotzdem essen, was soll sie machen.

Japan, Fukushima im Mai 2011 (Foto: Rikiya Adachi)Wir drehen nach Süden ab und fahren die Küste entlang. Die Szenerie ist gespenstisch. Auf den Feldern liegt eine ganze Armada von Schiffen. Nie mehr können sie zu Wasser gelassen werden. Wir fahren wieder eine Zeitlang durch die 30 km-Zone, biegen nach Osten ab. Ein Stück weit außerhalb der 30 km-Zone wird die Strahlung plötzlich stärker. Wir haben stabil 5 µSv im Auto. Wir nähern uns dem Ort Nagatoro. Der Geigerzähler tickt. Wir steigen aus und messen 11 µSv. Direkt unter einem Abflussrohr finden wir 500 µSv. Lange bleibt niemand neben diesem Abflussrohr stehen. Dass der Ort stark kontaminiert ist, ist bekannt. Er gilt als evakuiert. Aber rund 10 Prozent der Menschen sind noch hier. Sie setzen sich einer Strahlung aus, mit der sie in drei Monaten die zulässige Jahresdosis eines AKW-Arbeiters überschritten haben. Sollten sie bleiben, sind Schädigungen wahrscheinlich.

Wir fahren weiter nach Lidate. Auch die Kontamination dieses Ortes, rund 45 km von den havarierten AKW entfernt,  ist bekannt. Lidate wird in diesen Tagen evakuiert. Offensichtlich gibt es eine Schneise hoher Kontamination von Fukushima Daichi aus Richtung Nordwesten, die mindestens 50 km weit reicht. Es gibt aber ganz offensichtlich zu wenig Information. Vielleicht wird auch nicht überall gemessen. In Lidate treffen wir den Bürgermeister. Er nimmt sich trotz Evakuierungsstress Zeit. “Von Tepco kann man nichts erwarten,” sagt er auf meine Frage. Er muss zuschauen wie seine Gemeinde sich auflöst. Er spricht davon, dass sie eines Tages alle wieder zurückkommen. Rund um Lidate war die Öko-Landwirtschaft auf dem Vormarsch, so ist die Kontamination der Böden doppelt bitter.

Wir übernachten in Yonezawa im “Group-home” Yuinoki, Teil eines sozialen Projekts des  Netzwerks Yokohama, das sich auch zu den Grünen zählt. Das Group-home ist eine Art Altenheim, in das aber auch andere Menschen zum Essen kommen. Hier gibt es ursprünglich japanisches Essen, zum Schlafen haben wir Matten auf dem Boden. Eine Atmosphäre selbstverständlicher gegenseitiger Solidarität herrscht hier.

3. Tag – Yonezawa

Japan, Fukushima im Mai 2011 (Foto: Rikiya Adachi)In Yonezawa sind wir mit Flüchtlingen verabredet. Frau Ito aus Soma-Süd erzählt, wie sie und ihr Mann – ohne genaue Informationen über die Strahlung – auf eigene Verantwortung ihren Heimatort verlassen haben, aus Sorge um ihre vierjährige Tochter. An der Küste gab es nirgends Benzin, so fuhren sie nach Nordwesten, solange das Auto eben fuhr. In Yonezawa zu landen, war ein Glücksfall. Die Einwohner des Ortes sparen Strom als Zeichen der Solidarität. Als sie in einem Geschäft Küchenutensilien kaufen wollten, wurden sie ihnen geschenkt. 1000 Flüchtlinge sind inzwischen in Yonezawa. Frau Ito vermutet, dass die Stimmung Flüchtlingen gegenüber nicht überall so ist. Japan muss drei Flüchtlingswellen verkraften: die erste Welle wurde vom Tsunami verursacht, dann kamen diejenigen die auf eigene Initiative wegen der Strahlung flohen, in einer dritten Welle die wegen der Strahlung offiziell Evakuierten.

Ein anderes Ehepaar erzählt, dass sie zuhause bleiben wollten, aber ein Telefonat beunruhigte sie. Ein Freund erzählte die Straße in ihre Gegend sei gesperrt. Man könne heraus, aber nicht hinein fahren. Wegen seiner Kinder entschloss sich auch dieses junge Paar spontan zur Flucht.

Die Flüchtlinge verlieren alles: ihr Zuhause, ihre Existenzgrundlage, ihr soziales Netzwerk. Sie reden von der Hoffnung so bald wie möglich zurückzukehren. Aber sie ahnen, dass das nicht so sein wird. Einer der Flüchtlinge hat eine visionäre Idee was man mit dem unbewohnbaren Gelände tun könnte: es mit Solar- und Windkraftanlagen bedecken. Die eigene Zukunft verunsichert ihn dagegen: “Wo kann man leben?”

Atomkraft war für die Flüchtlinge mit denen wir sprechen früher kein Thema. Jetzt entwickeln sie sogar ein Bewusstsein für die Müll-Problematik. Sie erzählen mir, dass es Überlegungen gibt, den Atommüll in die Mongolei zu exportieren. Sie spüren, dass daran etwas nicht in Ordnung ist und bitten um internationale Aufmerksamkeit. Sie bitten aber auch um Druck auf die japanische Regierung Arbeitsplätze für die Flüchtlinge zu schaffen und Wohnungen zu bauen – weit genug weg, nicht direkt außerhalb der 30 km-Zone, wo bisher die meisten Übergangswohnungen stehen.

4. Tag – Osaka, Kyoto

Wir wollen mit dem Shinkansen nach Südwesten, haben auf halbem Weg wieder in Tokio übernachtet und kommen jetzt durch ein großes Anbaugebiet des grünen Tees. Der Tee ist kontaminiert, obwohl die Entfernung zu Fukushima Daichi 500 km beträgt. Durch den Trocknungsprozess wird die Kontamination so konzentriert werden, dass der Tee dann über den Grenzwerten liegt. Man erklärt mir, es habe eine Windströmung von Daichi aufs Meer und dann in einem großen Bogen 500 km weiter südwestlich wieder aufs Land gegeben.

Plötzlich sehe ich meine ersten beiden japanischen Windräder. Sie gehören Suzuki. Ich erfahre, dass viele japanische Unternehmen eigene Stromerzeugung haben, weil Strom zu beziehen ihnen zu teuer ist.
Am frühen Nachmittag sind wir in Osaka. Nach einer Pressekonferenz, in der ich von meinen Eindrücken in der Präfektur Fukushima berichte, gibt es am frühen Abend wieder eine große Konferenz zum Thema Atomausstieg. Nach meinem Vortrag müssen wir sofort weiter, weil uns eine weitere Konferenz in Kyoto erwartet.

Auch in Kyoto geht es um das Thema Atomausstieg. Bei einer anschließenden nicht öffentlichen Versammlung, die der Vernetzung verschiedener Aktiver und Initiativen dient, werde ich wieder ausführlich nach dem deutschen Weg der Bürgerbewegungen und der Grünen gefragt. Das Bedürfnis von Deutschland und speziell von den deutschen Grünen zu lernen, ist groß.

5. Tag – Präfektur Shizuoka

Mit dem Shinkansen von Kyoto nach Kakegawa und dann wieder ins Auto. Wir sind in der Standort-Kommune des AKW Hamaoka. Hier gibt es zwei grüne Kommunalpolitiker. Sie informieren mich über die Problematik. Die fünf Reaktorblöcke stehen auf einem Punkt, an dem drei tektonische Platten – die eurasische, die philippinische und die pazifische – zusammentreffen. Im Schnitt alle 120 Jahre wird an diesem Punkt das Tokai-Beben ausgelöst, das letzte Mal mit der Magnitude 8,4. Das letzte Beben war 1854, das nächste ist also überfällig. Seit langem wird vor einem großen Beben gewarnt. 2002 reichten Bürger eine Klage auf Abschaltung der beiden ältesten Blöcke ein. Den vom Gericht empfohlenen Vergleich lehnte die Betreibergesellschaft  Chubu Electric Power ab, um ein Teil-Eingeständnis von Unsicherheit der AKW zu vermeiden. Danach schalteten sie die beiden Blöcke “aus wirtschaftlichen Gründen” ab und planten den Bau eines sechsten Blocks als Ersatz. Nach dem GAU von Fukushima wurde der Bau dieses sechsten Reaktors von Gouverneur Kawakatsu und Premier Kan gestoppt und die restlichen drei Blöcke vom Netz genommen. Aber nicht etwa auf Dauer – sie sollen in zwei Jahren wieder ans Netz, bis dahin soll vor den AKW eine 15 m hohe Schutzmauer gegen Tsunamis gebaut werden.

In der Präfektur Shizuoka wächst der Unmut über diese Politik. Bürger wollen, dass die Reaktoren nicht mehr ans Netz gehen. Gemeinden wollen die 10 km-Evakuierungszone auf 30 km ausgedehnt haben. Die Präfektur ist anders als die landwirtschaftlich geprägte Präfektur Fukushima ein dicht besiedelter Wirtschaftsraum mit 3,8 Mio Einwohnern. Mit der üblichen Windrichtung wäre bei einem Unfall auch sofort der Großraum Tokio mit seinen 12 Mio Einwohnern betroffen.

Wir besichtigen Hamaoka. Die Kommunalpolitiker haben eine Petition von Bürgern dabei, die sie den Betreibern überreichen wollen. Die Betreibergesellschaft hat im Vorfeld ein Gespräch mit mir und den Kommunalpolitikern bereits abgelehnt. Zur Annahme der Petition schicken sie einen Unterabteilungsleiter, der das Anliegen kommentarlos entgegennimmt. Er ist nach eigener Aussage nicht befugt eine Diskussion zu führen. Wir haben Presse-, auch Fernsehbegleitung dabei, so wird die Übergabe der Petition und das Verhalten der Betreibergesellschaft öffentlich.

Wir sind beim Vize-Bürgermeister angemeldet (der Bürgermeister hat sich entschuldigen lassen). Auf meine Fragen nach seiner Haltung verweist er auf die Regierung –  sie habe die Abschaltung der AKW angeordnet, sie trage die Verantwortung. Er macht sich Sorgen um die Arbeitsplätze. Sorgen, dass etwas Ähnliches wie in Fukushima Daichi auch in Hamaoka passieren könnte, will er nicht zugestehen. Meine Hinweise auf das Arbeitsplatzpotential der Erneuerbaren Energien scheinen an ihm vorbei zu gehen. Die Petition der Kommunalpolitiker nimmt er wortlos entgegen.

Danach habe ich ein Gespräch mit Gouverneur Kawakatsu. Er empfängt mich mit perfektem Englisch. Entsprechend der Bitte meiner Begleitgruppe spreche ich Deutsch und lasse übersetzen – sie wollen dem Gespräch folgen können. Kawakatsu bleibt bei Englisch. Mein persönlicher Eindruck: Er will sich keiner Interpretation seiner Aussagen aussetzen. Das Gespräch ist ungleich inhaltsreicher als die bisherigen Gespräche mit in meinen Augen Verantwortlichen. Hier spricht ein Politiker und kein Verwaltungsangestellter. (Ich habe inzwischen unseren deutschen Föderalismus und seine Subsidiarität schätzen gelernt!) Gouverneur Kawakatsu ist besorgt. Er weiß, das die Tsunami-Schutzmauer nicht ausreicht um Sicherheit zu gewährleisten. Im Laufe unseres Gesprächs bekomme ich den Eindruck als hielte er es für besser die AKW blieben abgeschaltet – trotz seines Arguments, dass man die Tsunami-Schutzmauer ja sowieso zum Schutz der Brennelemente-Becken brauche. Er scheint auch zu wissen, dass die Zukunft der Energieversorgung nicht bei der Atomkraft zu suchen ist. Und trotzdem weicht er an der entscheidenden Stelle zurück: er vertraut den Betreibern, dass diese schon aus Sorge um ihre eigenen Mitarbeiter das Richtige tun werden.

In der anschließenden Pressekonferenz geht es hauptsächlich um den potentiellen GAU von Hamaoka. Der treibt hier mehr um als der tatsächliche von Fukushima.

Abends in der von den Grünen vor Ort initiierten Veranstaltung geht es um Fragen nach dem Stromersatz, wie schnell, wie zuverlässig, wie funktioniert das EEG, wie ist das mit Widerstand gegen den Bau von Windkraftanlagen, wie bringt man heterogene Gruppen zu einer Bewegung gegen die Atomkraft zusammen? Den TeilnehmerInnen ist klar, dass der Atomausstieg nur als Teil einer Energiewende funktioniert. Ich habe inzwischen als festen Schlussbaustein meiner Vorträge die japanischen Pluspunkte für eine Energiewende im Repertoire: mehr Sonne, mehr Wasser und viel mehr Wind als in Deutschland, Küsten ohne Ende die nach Erforschung und Anwendung der Meereswellentechnologie rufen, gut ausgebildete Menschen, Technologieverständnis und eine innovative Wirtschaft. Zur traditionellen Ehrfurcht der Japaner vor der Natur passt die Auslieferung an die Atomkraft nicht. Der wunderschönen Küste vor Hamaoka würden Windparks um vieles besser gerecht als die geplante 15 m hohe Mauer.

6. Tag – Tokio

Der Shinkansen bringt uns zurück nach Tokio. Der Abschlusstag ist der Auswertung der Woche gewidmet. Diverse Einzelinterviews mit Journalisten größerer Tageszeitungen wie “Kyodo News”, “Mainichi Dairy News” und “The Asahi Shimbun”. Dann eine zweistündige allgemeine Pressekonferenz. Jemand fragt mich, ob ich bereit sei später noch ein Interview mit dem Journalisten Yasami Iwakami zu machen, der für den Anti-Atom-Widerstand ein wichtiger Multiplikator ist, aber jetzt nicht an der PK teilnehmen kann. Natürlich bin ich bereit – die Einladung einer deutschen Grünen durch die japanischen Grünen einen Monat nach dem Desaster von Fukushima soll so viel Mehrwert wie möglich haben. Um 18h wechseln wir aber erstmal zu den Tokioter Grünen, die zum Abschluss in ein Bio-Restaurant einladen. Ein Buffet, das so – wäre da nicht doch der große Topf mit Reis und der mit Miso-Suppe – auch bei deutschen Grünen angeboten werden könnte. Auch die Atmosphäre ist ähnlich. Grüner Lebensstil!

Es fällt mir schwer mich aus dieser freundlichen grünen Gemeinschaft vorzeitig zu verabschieden, aber ein Versprechen wartet. Durchs nächtliche Tokio fahren wir zum Journalisten Iwakami. Er verbreitet “die Nachricht hinter der Nachricht”. Die kritischen Gruppierungen setzen auf ihn, der – da er seine Beiträge immer schlechter bei den üblichen Medien unterbrachte – inzwischen mit livestream und YouTube arbeitet. Wir beginnen mit dem live-Interview um 21h und vereinbaren 60 Minuten. Es werden zwei Stunden. Vor allem der Dolmetscher ist erschöpft, als wir um 23h Schluss machen. Aber wir sind zufrieden. Jede Botschaft ist gesetzt! Meine japanisch-grüne Begleitgruppe ist glücklich. Diese Reise war eine große Investition für die Partei, die noch keine Strukturen und kaum Einnahmen hat. Alle haben in dieser Woche alles gegeben.

Samstag, 21. Mai 2011
Tokio – Helsinki – Berlin

 

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