Bericht über die Anhörung anlässlich der Jahrestage zu Fukushima und Tschernobyl im Umweltausschuss am 24. April 2013

Im Umweltausschuss des Deutschen Bundestages hat am 24. April 2013 anlässlich der Reaktorkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima eine Anhörung mit Sachverständigen zur Situation vor Ort und den Folgen für die Menschen stattgefunden.


Sachverständige:

  1. Wladimir Kuznetsov (Direktor des Nuklear- und Strahlungssicherheits-Programms von Green Cross Russland)
  2. Hideyuki Ban (Co-Direktor des japanischen Citizens´ Nuclear Information Centers, CNIC)
  3.  Dörte Siedentopf (Initiative Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung, IPPNW)

 
Erkenntnisse aus der Anhörung:

  • Wladimir Kuznetsov: Dauerhafte Probleme bei der Stabilisierung des bereits vorhandenen Sarkophags in Tschernobyl sowie bei der Errichtung eines neuen sicheren Einschlusses, der von den G8-Staaten finanziell unterstützt wird. Hier bedarf es einer Kontrolle von außen, weil sonst die Mittel nicht dorthin gehen, wo sie hingehen sollten (Stichwort Korruption). Er erbittet auch explizit eine Überprüfung von deutscher Seite, um eine sachgemäße Verwendung der finanziellen Mittel zu gewährleisten.
    Nach der Katstrophe von Fukushima gab es in Russland eine Überprüfung aller in Betrieb befindlichen Reaktorblöcke. Ergebnis: „Alles in Ordnung“, eine Havarie wie in Japan ist nicht möglich. Er selbst hat aus dieser Überprüfung keine Informationen erhalten, die er als Techniker bewerten konnte, obwohl er bis Ende 2012 im Beirat der russischen Atomenergiebehörde RosAtom tätig war.
    Eine Initiative an Wladimir Putin und das russische Verfassungsgericht, die verbliebenen Reaktoren vom Bautyp Tschernobyl (RBMK-1000) vom Netz zu nehmen, weil sie ihre technische Lebensdauer bereits überschritten haben, war bisher erfolglos. Ebenso ein Antrag an das Europäische Parlament.

 

  • Hideyuki Ban: Auf dem Betriebsgelände in Fukushima gibt es große Platzprobleme bei der Aufbewahrung des kontaminierten Kühlwassers. Ein zusätzliches, großes Becken für das Wasser leckt zudem. Es besteht große Sorge, dass radioaktive Stoffe ins Meer fließen und somit Verbreitung finden könnten.  Anlagen, die die radioaktiven Stoffe aus dem Wasser filtern sollen, sind immer noch nicht in Betrieb. Zudem können sie das radioaktive Tritium nicht herausfiltern. Die Bauarbeiten, um die offen liegenden Brennstäbe im havarierten Reaktor 4 zu bergen, sollen voraussichtlich im Oktober 2013 beginnen. In Japan ist derzeit kein Atomausstieg geplant, die Regierung plant eine Liberalisierung des Strommarktes und dabei eine Trennung von Stromerzeuger und Stromverteiler (allerdings keine Förderung von Ökostrom). Ab 2015 soll die Bevölkerung die Möglichkeit haben, den Stromanbieter frei zu wählen.

 

  • Dörte Siedentopf: Die Grenzwerte, die für Fukushima von der WHO angegeben werden, sind deutlich geringer als die Berechnungen des IPPNW. In Japan sind aufgrund externer Strahlenbelastung zwischen 37.899 bis 82.606 zusätzliche Krebserkrankungen zu erwarten. Aufgrund der Nahrungsaufnahme noch einmal zusätzlich rund 37.266 Erkrankungen.
    Bei 55.592 Kindern wurden Schilddrüsenzysten bzw. -knoten festgestellt, mindestens 25% davon müssen als eine Vorstufe von Krebs betrachtet werden. Bei drei Kindern wurde bereits Schilddrüsenkrebs diagnostiziert, wobei dies normalerweise bei Kindern nicht vorkommt. Wir erleben gerade erst den Anfang der radioaktiven Zerstörung, vor allem niedrige Strahlendosen können zu Zellschäden führen. Unklar ist weiterhin, was mit der kontaminierten Erde aus Fukushima geschieht.
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