Bericht zum Fachgespräch „Die Verlorenen Mädchen – Auswirkungen ionisierender Strahlung auf das Geschlechterverhältnis“

Warum werden in der Nähe von Atomkraftwerken, Atommülldeponien und Forschungsreaktoren weniger Mädchen als Jungen geboren? Diese Frage diskutierten die Referentinnen und Referenten Dr. Hagen Scherb (Helmholtz-Zentrum München), Prof. Dr. Karl Sperling (ehem. Charité Berlin), Dr. Thomas Jung (Bundesamt für Strahlenschutz) und Prof. Dr. Inge Schmitz-Feuerhake (ehem. Universität Bremen) mit den Teilnehmenden des öffentlichen Fachgesprächs „Die verlorenen Mädchen – Auswirkungen ionisierender Strahlung auf das Geschlechterverhältnis“ am 7. April 2014 auf Einladung von Sylvia Kotting-Uhl im Deutschen Bundestag.

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Die Auswirkungen von Strahlung auf das Geschlechterverhältnis sind insbesondere bekannt geworden durch das „Chernobylgendergap“, eine Geschlechterlücke von theoretisch ca. 440.000 fehlenden Mädchen in Europa in den Jahren nach dem GAU von Tschernobyl(1987 bis 2000). Dass aber auch ohne Nuklearkatastrophe in einem 35km-Umkreis von deutschen Atomanlagen im Normalbetrieb 15.000 Mädchen nicht geboren werden, verdeutlicht die Brisanz und Aktualität des Themas.

Betrieb von Nuklearanlagen unverantwortlich

Die im Fachgespräch vorgestellten Ergebnisse der Studien von Scherb, Voigt und Kusmierz belegen, dass um Nuklearanlagen in Deutschland, in der Schweiz und in Frankreich deutlich weniger Mädchen als erwartet zur Welt kommen. So änderte sich das Verhältnis im 40km Radius um Gorleben mit Einlagerung hochradioaktiven Abfalls um 8 Prozent, im 25km Umkreis von der Atommülldeponie in Elleweilernach mutmaßlicher Freisetzung 1995 um ca. 6 Prozent.Die „verlorenen Mädchen“ seien ferner ein Indikator für falsche Strahlengrenzwerte bei der Konstruktion und Genehmigung von Nuklearanlagen. Der Betrieb von Nuklearanlagen, Rückbau sowie Zwischen- und “Endlagerung” sind aus Sichtder Autoren unverantwortlich und führen zu beträchtlichen Umwelt- und Gesundheitsschäden.
 
Geringe Strahlendosis-große Auswirkungen

Dass ein Zusammenhang zwischen Strahlung und Geburtenverhältnis besteht, betonte Prof. Dr. Sperling, ehemaliger Direktor des Instituts für Humangenetik und der genetischen Beratungsstelle an der Berliner Charité. So wiesen beispielsweise die Strahlungsbelastungen im Zuge Tschernobyls einen deutlichen Zeit- und Dosis-Effekt Bezug auf. Neun Monate nachdem die radioaktive Wolke über Bayern zog, verschob sich das Geschlechterverhältnis.Dabei kann sich, laut Sperling, auch schon eine geringe Strahlenmenge negativ auf die für die Geburt von Mädchen notwendigen X-Chromosomen auswirken.Dr. Jung hingegen bezweifelte den Einfluss von Strahlung auf das Geschlechterverhältnis. Er wies auf methodische Begrenzungen bei der Ursachenforschung hin und bezeichnete die Fallzahlen als nicht hinreichend aufschlussreich. Studien an strahlenexponierten Personen hätten, laut Jung, nur schwache Hinweise für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Strahlung und einem geänderten Geschlechterverhältnis geliefert, weshalb weitere Forschung notwendig sei bevor man Maßnahmen ergreife.

Die Brücke von Wissenschaft zu politischer Handlungsnotwendigkeit schlug Dr. Schmitz-Feuerhake. Sie prangerte, über das Geschlechterverhältnis hinaus, die gesundheitlichen Schäden von Strahlung für Neugeborene an. Besonders häufig seien Missbildungen und Krebserkrankungen zu beklagen. Sie kritisierte die Verharmlosung des Problems durch die Internationale Strahlenschutzkommission und warf dieser die Ausblendung wissenschaftlicher Befunde vor. Mit den uns aktuell vorliegenden wissenschaftlichen Ergebnissen müsse ein neues Schutzkonzept für nachfolgende Generationen umgesetzt werden.
 
Aus wissenschaftlichen Erkenntnissen politisches Handeln erzeugen

Die anschließende Diskussion drückte diese Sorge und das Bedürfnis nach Schutz der Bevölkerung aus. Dr. Jung begegnete allerdings den Forderungen nach besseren Maßnahmen des BfS mit begrenzten Fördermitteln seines Amtes, die eine intensivere Forschung nicht zulasse. Mit dem Hinweis, dass bereits ein Prozent strahlenbedingter Geburtenveränderung eine Katastrophe sei, unterstrich Dr. Scherb die Forderung den Schäden für Betroffene zu begegnen. Er fragte nach einer verbesserten Strahlenabschirmung und einer Pflicht für das BfS die hinreichend bekannten Tatsachen anzuerkennen. Frau Schmitz-Feuerhake unterstützte diese Positionund stellte fest, dass es nicht an weiterer Forschung, sondern an Anerkennung der Fakten mangele.

Sylvia Kotting-Uhl schloss,dass auf die Ergebnisse der Wissenschaftler reagiert werden müsse. Es gebe in einigen Bereichen noch Bedarf bei der Ursachenforschung, hier könne auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung einen wichtigen Beitrag leisten. Viel wichtiger sei esaber aufgrund der bereits vorhandenen Erkenntnisse gegen die Auswirkungen der ionisierenden Strahlung vorzugehen. So könnten Gelder für die ins Leere führende Atomforschung besser zum Schutz der Bevölkerung vor Radioaktivitäteingesetzt werden. Die Grünen werden an diesem Thema dranbleiben.

Beiträge:

Vortrag Dr. Hagen Scherb

Vortrag Prof. Dr. Karl Sperling

Vortrag Dr. Thomas Jung

Vortrag Dr. Inge Schmitz-Feuerhake

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