Brief zu nuklearen Tätigkeiten von Electrabel in Belgien

Brief von Jan Bens, Generaldirektor der belgischen Atomaufsicht

Schreiben vom 2.September 2016 AFCN (agence fédérale de contrôle nucléaire) an

Madame Isabelle Kocher, Vorsitzende des Verwaltungsrats von Electrabel,

Boulevard Simon Bolivar 34, B-1000 BRUXELLES

U/Zeichen: 2016-09-02-GH-5-1-1-FR

Gegenstand: Wichtige Informationen zu Ihren nuklearen Tätigkeiten in Belgien, insbesondere Kernkraftwerk Tihange

mit Kopie an: Electrabel (Philippe Van Troeye, W. De Clercq, J. Trangez, E.Thoelen), Bel V (Benoît De Boeck)

Sehr geehrte Frau Vorsitzende,

am 3. August 2015, nach wiederholtem Eintreten von sicherheitsrelevanten Störfällen, sahen wir uns gezwungen, gegen das von Electrabel betriebene Kernkraftwerk Tihange Zwangsmaßnahmen zu ergreifen. Hierbei handelte es sich um die Weiterleitung eines „Pro Justitia“ [Zustellung von Schriftstücken] an die zuständigen Justizbehörden sowie um einen Erlass der AFCN, in dem insbesondere Electrabel zur Auflage gemacht wurde, einen Aktionsplan zu entwickeln und zu realisieren, um die Situation im Kernkraftwerk Tihange wiederherzustellen.

In Folge dieser Zwangsmaßnahmen wurden mehrere Aktionspläne zur Wiederherstellung der Situation in den belgischen Kernkraftwerken erstellt.

Zwei Aktionspläne bezwecken die Wiederherstellung der Situation im Kernkraftwerk Tihange. Der erste, der direkt nach dem 3. August 2015 umgesetzt wurde sollte das Sicherheitsniveau schnell und signifikant anheben, insbesondere mittels ergänzender Kontroll- und Schulung/Informations-Maßnahmen, wogegen mit dem zweiten die globale Betriebsweise des Kernkraftwerks Tihange wiederhergestellt und strukturell verbessert werden soll.

Ein dritter Aktionsplan soll die Funktionsweise der für die nukleare Stromerzeugung verantwortlichen Corporate-Abteilungen von Electrabel verbessern.

Ein vierter Aktionsplan soll die Funktionsweise der für die physikalische Prüfung zuständigen Abteilungen (die unter anderem für die Überwachung und Gewährleistung eines angemessenen kerntechnischen Sicherheitsniveaus verantwortlich sind) verbessern.

Ein fünfter Aktionsplan wurde für das Kernkraftwerk Doel entwickelt.

Der vom Kernkraftwerk Tihange vorgeschlagene kurzfristige Aktionsplan und der vom Kernkraftwerk Doel wurden zügig genehmigt und umgesetzt. Der zweite Aktionsplan für das Kernkraftwerk Tihange erhielt seine Zustimmung am 5. August 2016. Dem Aktionsplan für verbessertes Funktionieren der für die nukleare Stromerzeugung von Electrabel zuständigen Corporate-Abteilungen konnte wegen einem mangelnden Qualitätsniveau noch nicht zugestimmt werden. Dem noch nicht genehmigten Aktionsplan für die Abteilungen der physikalischen Prüfungen von Electrabel konnte noch nicht zugestimmt werden, aber diese Genehmigung wird in Kürze mit einigen kleineren Änderungen erfolgen.

Ende Mai 2016 und Anfang Juni 2016 traten im Kernkraftwerk Tihange weitere sicherheitsrelevante Störfälle ein. Da einer dieser Störfälle erneut einen Verstoß gegen die geltenden Vorschriften darstellte, wurde wieder ein „Pro Justitia“ an die zuständigen Justizbehörden weitergeleitet. Das Kernkraftwerk Tihange hat wiederum einen kurzfristigen Aktionsplan aufgelegt, der seit dem 4. Juli 2016 umgesetzt wird. Dieser Aktionsplan sah unter anderem eine Unterstützung durch die für die physikalischen Kontrollen zuständige Corporate-Abteilung von Electrabel vor.

Am 9. August 2016 nahm AFCN eine unangekündigte Inspektion vor, insbesondere um die Implementierung des neuen Aktionsplans zu überprüfen, mit dem Ergebnis, dass dieser neue Aktionsplan nur teilweise (sogar unzureichend hinsichtlich der geplanten Unterstützung durch die Corporate-Abteilung für physikalische Prüfungen von Electrabel) umgesetzt wurde und dass laut einiger alarmierenden Äußerungen von einigen KKW-Mitarbeitern der Betrieb von Block 2 des Kernkraftwerks Tihange besonders schwierig geworden sei.

Im Anschluss an diese besorgniserregenden Feststellungen wurde am Freitag, den 12. August 2016 erneut eine unangekündigte Inspektion im Kernkraftwerk Tihange durchgeführt, mit Schwerpunkt Block 2. Diese neue Inspektion kam zu dem Fazit, dass die Operators ihre Aufgaben korrekt erfüllten, aber dass es weiterhin strukturelle Probleme in der Electrabel-Organisation gibt, die längerfristig die Aufrechterhaltung eines zufriedenstellenden Sicherheitsniveaus im Kernkraftwerk Tihange gefährden können. So sind zum Beispiel die Arbeitsbedingungen der Betriebsmannschaft von Block 2 des Kernkraftwerks Tihange wegen Personalmangel schwierig (anstatt der im Organigramm vorgesehenen 5 Ingenieure funktioniert diese Abteilung seit mehreren Monaten mit nur 3 bis 4 Ingenieuren) und wegen der zwischenmenschlichen Beziehungen, die in dieser und auch mindestens in einer weiteren Abteilung schwierig sind.

Zusätzlich möchten wir hier weitere Probleme bei Electrabel zu Ihrer Kenntnis bringen, die einige Engineering Bereiche betreffen:

·         Qualitätsmängel (und Mängel in der Qualitätssicherung) einer probabilistischen Analyse der Sicherheit gegenüber dem Brandrisiko für beide KKW-Standorte;

·         Unsachgemäßes/mangelhaftes Management der Kenntnisse (Rechenfehler hinsichtlich der Alterung von Schweißnähten eines Druckhalters im Kernkraftwerk Doel, Vergessen einer bedeutenden Begrenzung – bekannt seit 20 Jahren – eines sicherheitstechnischen Rechen-Codes,  …)

Unsere Unzufriedenheit über das erstgenannte Problem wurde auch in einem Schreiben an den CEO von Electrabel zum Ausdruck gebracht.

 

In Anbetracht der obigen Ausführungen werden Sie verstehen, dass wir Ihnen unser Anliegen, ja sogar unsere starke Besorgnis hinsichtlich des Managements der nuklearen Tätigkeiten von Electrabel in Belgien mitteilen wollen. Es geht um die unzureichende Proaktivität von Electrabel in puncto Aktionen, die das Sicherheitsniveau und/oder die Sicherheitskultur positiv weiterentwickeln können und um die gegenwärtige Situation des Kernkraftwerks Tihange sowie, vor allen Dingen, um die nach unserer Einschätzung seit mehr als einem Jahr bestehende Unfähigkeit von Electrabel, strukturell, schnell und effizient reagieren zu können, um das Sicherheitsniveau signifikant zu erhöhen und das Exzellenzniveau zu erreichen, das Electrabel nach eigenen Aussagen anstrebt.

Wir bitten Sie, dieses Schreiben an alle Verwaltungsratsmitglieder weiterzuleiten und die sich daraus ergebenden Erkenntnisse und Schlussfolgerungen zu ziehen.

In diesem Sinne verbleiben wir mit vorzüglicher Hochachtung

Unterzeichnet

Jan Bens,

Generaldirektor

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