Brief zum königlichen Erlass über sicherheitstechnische Vorschriften für kerntechnische Anlagen

Brief von Jan Bens, Generaldirektor der belgischen Atomaufsicht

Schreiben vom 1. Juli 2016 AFCN (agence fédérale de contrôle nucléaire) an

Monsieur Philippe Van Troeye

Administrateur Délégué, ENGIE, Boulevard Simon Bolivar 34, B-1000 BRUXELLES

U/Zeichen: 2016-07-01-BT-5-1-7-FR (mit 2 Anhängen)

Gegenstand: Königlicher Erlass vom 30. November 2011 über sicherheitstechnische Vorschriften für kerntechnische Anlagen – Artikel 17, 29 und 32

(mit Kopie an EBL (W. De Clercq, D. Bayart, J. Hollevoet, J. Trangez), E.Thoelen (EBL), Bel V (B. De Boeck)

Sehr geehrter Herr Van Troeye,

mit Datum vom ersten Januar 2016 sind alle Artikel des königlichen Erlasses vom 30. November 2011 über sicherheitstechnische Vorschriften für kerntechnische Anlagen in Kraft getreten. Bei stromerzeugenden Kernreaktoren gilt dies insbesondere in toto für die Artikel 17 (Brandschutz gegen Brände als Einwirkung von Innen – übergeordneter Teil), 29 (probabilistische Sicherheitsanalysen) und 32 (Brandschutz gegen Brände als Einwirkung von Innen – spezifischer Teil für Leistungsreaktoren).

Aufgrund des Greifens dieser Bestimmungen weisen Ihre Anlagen mehrere Verstöße gegen die geltenden Vorschriften auf. Des Weiteren wurden Ergebnisse von in diesem Rahmen durchgeführten Untersuchungen vorgelegt, die zumindest alarmierend sind für die Untersuchungen zu „Fire PSA“ und „Fire Hazard Analysis“.

In einer Besprechung der Geschäftsführungen von Electrabel und AFCN am 25. Mai 2016 habe ich mit Herrn W. DE Clercq diese Fragen angesprochen. Ich habe die Besorgnis aufgrund der aus der „Fire PSA“ resultierenden alarmierenden Wahrscheinlichkeitswerte einer Kernschmelze für die Blöcke Doel 3 und 4, Tihange 1, 2 und 3 unterstrichen. Deshalb habe ich gefordert, dass man sich mit dieser Problematik intensiv beschäftige und den Wunsch geäußert, dass man die entsprechenden Lösungen der Kontaktkommission am 16. Juni vorstellen möge.

Am Vorvorabend gab es im Entwurf eine dreiseitige Support-Notiz, in der die Zahlen der „Fire-PSA“ auf der Grundlage eines „pragmatischen“ Ansatzes kurzerhand nach unten korrigiert wurden mit der Behauptung, dass die vorherigen Ergebnisse „reflect by no means the reality of Belgian NPP’s“[der Wirklichkeit der belgischen Kernkraftwerke keineswegs entsprechen] und dass „Belgian NPP’S are well protected against fire and that the Belgian NPP’s can be safely further operated“ [belgische Kernkraftwerke gegen Brand gut geschützt sind und sicher weiterbetrieben werden können] und dass „the most important contributors to the fire risk have been identified and recommandations habe been provided“ [dass die größten Beiträge zum Brandrisiko identifiziert und dass entsprechende Empfehlungen vorgesehen wurden].

Die Präsentation an die Kontaktkommission hatte denselben Tenor, mit einer großen Leichtfertigkeit der Verantwortlichen im Umgang mit den Analyseergebnissen und mangelnder Bereitschaft für die schnelle Umsetzung von konkreten Verbesserungen in den Anlagen. Dieses fehlende kritische Hinterfragen, diese zu schnelle Überzeugung von dem Nichtvorhandensein von Problemen auf der Grundlage einer in zwei Wochen verfassten informellen Notiz in einer Angelegenheit, wo mehr als 5 Jahre Untersuchungen das wirkliche Brandrisiko nicht abschließend bewerten konnten sind ebenfalls beunruhigende Elemente bezüglich des Niveaus der Sicherheitskultur Ihres Unternehmens.

Electrabel scheint dieser Fragestellung sehr wenig Bedeutung beizumessen und ich habe Zweifel, ob das Unternehmen gewillt ist, die notwendigen Mittel einzusetzen, um diese Probleme schnell zu lösen, nicht nur um effektive Verbesserungen in den Anlagen prioritär durchzuführen, sondern auch um qualitative und abschließende Untersuchungen zu erzielen.

Ich erlaube mir hier auf die Situation der verschiedenen Reaktorblöcke hinsichtlich der Vorschriften einzugehen (der Anhang 1 enthält hierzu eine detaillierte Analyse).

Doel 1 und 2: Aufgrund des langen Hin und Her bezüglich einer Entscheidung für den Weiterbetrieb über vierzig Jahre hinaus wurden die erforderlichen Untersuchungen nicht innerhalb der vom Königlichen Erlass vom 30. November 2011 festgesetzten Fristen erstellt. In seinem „long term operation“-Aktionsplan hat Electrabel jedoch geplant, diese Untersuchungen bis Ende 2017 zu realisieren.

Im Nachgang zur Aufforderung vom 6. Oktober (2015-10-06-BT-5-9-8-FR) hat Electrabel jedoch noch keinen ausführlichen Plan mit den verschiedenen für die Realisierung erforderlichen Etappen eingereicht und keine indikative Planung zur Einhaltung des neuen Engagements vorgelegt. Wie schon mündlich in einer Sitzung mitgeteilt (2016-01-15-BT-5-9-1-FR) unterstreichen wir, dass gegenwärtig ein Verstoß gegen folgende Artikel vorliegt: 17.3 (Analyse des Brandrisikos), 29.1 (Ziel und Tragweite der probabilistischen Sicherheitsuntersuchungen) und 32.2 (Analyse des Brandrisikos). Die auf der Sitzung vom 24. Juni 2016 mitgeteilten Informationen (Follow-up Projekt LTO [long term operation] Doel 1/2) haben wir zur Kenntnis genommen. Sie setzen den Akzent auf eine schnelle Umsetzung von solchen Nachrüstungen – im Zuge ihrer Identifizierung – in den Anlagen, die einen Beitrag zu einer signifikanten Verbesserung der Sicherheit leisten sollen und beabsichtigen, das Problem der Untersuchungen „à bras le corps“ [konsequent, entschlossen] anzugehen, um sie schnell zu vollenden, damit vor Ende 2017 ein Plan für die restlichen Aktionen erstellt wird.

Wir müssen Sie hiermit darauf hinweisen, dass wir die Einreichung der detaillierten Planung der entsprechenden Untersuchung jedoch für vor Ende August fordern, wobei als Zeitziel für den effektiven Abschluss dieser Untersuchungen Mitte-2017 (wie schon in der Sitzung vom 15.1.2016 andiskutiert) und nicht Ende 2017 einzuplanen ist, um somit noch eine Marge für Unvorhergesehenes bei der Durchführung dieser Untersuchungen zu haben und den obigen Aktionsplan abschließend erstellen zu können. Diese Planung soll den Erfahrungsrückfluss aus den anderen Reaktorblöcken berücksichtigen und sich nicht mit der ersten Iteration des Teils „fire PSA“ begnügen, wie es übrigens schon am 24. Juni vorgeschlagen wurde. Wird diese Planung uns nicht fristgemäß eingereicht, sehen wir uns gezwungen, Zwangsmaßnahmen zu ergreifen.

Für die anderen Blöcke wurden die Untersuchungen in der Tat durchgeführt und eine Reihe von Dokumenten wurde Ende 2015 übergeben. Danach folgten noch weitere Dokumente. Wir veranlassten eine Sitzung am 11. April 2016, auf der die Hauptergebnisse der Untersuchungen vorgestellt wurden.

Diese Ergebnisse sind offen gestanden verheerend hinsichtlich des Brandrisikos in den untersuchten Blöcken (dies gilt für die probabilistischen aber auch für die deterministischen Analysen mit mehreren als problematisch (rot) eingestuften Räumen). Unsere Missbilligung dieser Ergebnisse wurde schon auf den Sitzungen vom 29. April, 25. Mai und auf der Sitzung der Kontaktkommission vom 16. Juni 2016 zum Ausdruck gebracht.

Die globale Bewertung der Untersuchungen „fire PSA – Iteration 1 – level 1“, die unsere Gutachterorganisation vor Kurzem durchgeführt hat (die Schlussfolgerungen sind hier im Anhang 2 beigefügt) bestätigt auch die Unzulänglichkeit Ihres sicherheitstechnischen Nachweises für die Brandschutzaspekte Ihrer Kernkraftwerke (ausgenommen Doel 1+2, für die keine Untersuchung vorliegt). Wir können nicht umhin, für diese Anlagen einen oder mehrere Verstöße gegen die Artikel 17, 29 und 32 des königlichen Erlasses vom 30. November 2011 festzustellen.

Wir hoffen annehmen zu dürfen, wie es in der oben erwähnten informellen Notiz vorgegeben wird, dass diese Ergebnisse nicht für bedeutende Schwächen der Blöcke stehen, sondern sich zumindest zum Teil durch die Verwendung zu großer Konservatismen erklären. Unsere Gutachterorganisation hatte in ihrer Bewertung auf das Vorhandensein von größeren Konservatismen auf verschiedenen Ebenen hingewiesen. Aus diesem Grund räumen wir Ihnen eine Fristverlängerung ein für die Durchführung der nachfolgenden Iterationen dieser Untersuchungen mit dem Ziel der Beseitigung von übermäßig konservativen Annahmen. Wir fordern dennoch eine schnellere Durchführung der Untersuchungen als in den ursprünglichen Planungen (Ende 2017 für den Teil „FHA“ und August 2018 für den Teil „fire PSA“ mit „indikativen“ Meilensteinen) und verlangen den Abschluss dieser Untersuchungen für Ende 2017, wozu die notwendigen Margen und auch die geeigneten Ressourcen einzusetzen sind, damit dieses Zeitziel nicht nur ein Richtwert, sondern fest ist. Hierzu erwarten wir eine ausführliche Planung für Ende August 2016 und eine Beschreibung der eingeplanten Mittel und Ressourcen sowie Elemente ihrer Bemessungsgrundlage, insbesondere auf der Grundlage der gewonnenen Erfahrung.

Vor allen Dingen weisen wir erneut darauf hin, dass die konkrete und signifikante Verbesserung des Brandschutzes prioritär zu betreiben ist. Die Untersuchungen haben schon verschiedene Schwachpunkte identifiziert. Wir sind der Auffassung, dass es unerlässlich ist, sie schnell zu beseitigen ohne abzuwarten, ob die Ergebnisse detaillierterer Untersuchungen diese Notwendigkeit bestätigen oder eine nebensächliche Bedeutung ergeben. In Anbetracht der Umstände ist vor Ort ein konservativerer Ansatz zu wählen als vielleicht notwendig. Hierzu haben wir wie vorgesehen einen Aktionsplan am 30. Juni 2016 erhalten, den wir aufmerksam prüfen werden. Wir fordern Sie jedoch auf, schon jetzt die Implementierungsphase zu beginnen, ohne unsere Analyse abzuwarten. Falls notwendig, werden wir dann Ergänzungen fordern.

In Erwartung der detaillierten Pläne und entsprechenden Informationen für Ende August verbleiben wir mit vorzüglicher Hochachtung

 

Unterzeichnet

Jan Bens,

Generaldirektor

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