„Das Drohszenario Klimakrise wächst“

Badische Neueste Nachrichten

Kotting-Uhl sieht Atomausstieg 2022 in Gefahr

Die Wahl am 24. September naht in Riesenschritten: Mit der Grünen-Bundestagsabgeordneten Sylvia Kotting-Uhl eröffnet die BNN-Stadtredaktion ihre Portraitreihe über die Karlsruher Kandidaten der bereits im Bundestag vertretenen Parteien CDU, SPD, Grüne und Linke sowie der aussichtsreichen Parteien FDP und AfD.

Eine Rundbank um einen jungen Baum auf einer öden Wiese vor umzäunter Industrieanlage: Nicht gerade ein idyllisches Biotop für ein BNN-Interview mit Sylvia Kotting-Uhl, Bundestagskandidatin der Grünen für Karlsruhe. Aber ein bezugsreicher Platz für ein Treffen mit der Berufspolitikerin. Der Blick nach vorn trifft auf einen Koloss, auf das Kohlekraftwerk im Rheinhafen. Eine „meist stillstehende Fehlinvestition“, die „überflüssig wie ein Kropf“ ist, wie die 64-Jährige findet. Schnell kommt Kotting-Uhl auf Betriebstemperatur, wenn ihr Steckenpferd Energie geritten wird. „Der Atomausstieg in Deutschland ist beschlossen. Das Verbrennen fossiler Rohstoffe, egal ob im Verkehr, beim Erzeugen von Wärme- oder Strom, muss aus Klimagründen und wegen der Endlichkeit der Ressourcen schnellstmöglich zurückgefahren werden“, fordert die gebürtige Karlsruherin. Durch Wegsehen und schwarz-rote Politik wachse das Drohszenario Erderwärmung permanent. „Die Klimakrise trifft nicht nur das Great Barrier Reef oder die Eisbären am Nordpol. Sie verändert spürbar unser Klima in Karlsruhe. Sie trifft die heimische Tier- und Pflanzenwelt, unsere Gesundheit, Nahrungsgrundlagen und den Frieden weltweit“, so die atompolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag. Dennoch vollziehe sich die Energiewende – hin zum favorisierten Mix aus Windkraft, Fotovoltaik, Bioenergie, Wasserkraft, Geothermie sowie der neuen Technologie Methankraftwerke – nicht so gut, wie es sollte. „Zunächst die unsägliche Preisdebatte – angeblich alles zu teuer –, und dann das fortschreitende Deckeln der Erneuerbaren Energie. Und immer wieder die falschen Fragen: Kann man das der Wirtschaft und der Landwirtschaft zumuten?“, kritisiert die Mutter zweier erwachsener Söhne. Andererseits würden immense Summen an Steuergeld für Kernfusion, Transmutation und Reaktoren der vierten Generation ausgegeben. „Kernfusion ist ohne Strahlung und radioaktiven Abfall nicht zu haben“, hält Kotting-Uhl nichts von Wiedereinstiegstechnologien in die Atomkraft. Kernfusion werde – wenn überhaupt – dann frühestens im Jahr 2050 einsatzreif sein. „Bis dahin werden wir unsere Energieerzeugung längst vollständig auf erneuerbare Energien umgestellt haben müssen“, so die Politikerin. Nach jetzigem Stand sei der Atomausstieg Ende 2022 unrealistisch. „Das ist ein ganz schlechtes Signal für die Welt“, so Kotting-Uhl.

Die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl hat die Badnerin 1986 in die Politik getrieben. Mittlerweile kandidiert sie für ihre vierte Legislaturperiode in der Bundeshauptstadt. Ein Platz im Parlament ist ihr mit Rang drei auf der Landesliste so gut wie sicher. Von Routine, Verdruss, Verschleiß ist bei der 64-Jährigen nichts zu spüren. Sie will weiterhin „die Welt ein bisschen besser machen“, wie sie sagt: „Das lohnt sich“. In Atomfragen habe sie viel erreicht. Die „Lex Asse“ etwa, das Gesetz zur Beschleunigung der Rückholung radioaktiver Abfälle und der Stilllegung des gescheiterten Atommülllagers Asse. Oder das Gesetz zur Endlagersuche. „Die Sache ist auf einem guten Weg, wenn das Verfahren so umgesetzt wird, wie es beschlossen wurde.“

Die Ursachen für das momentane Tief der Grünen sieht Kotting-Uhl weder in den zu braven Spitzenkandidaten, in der Etabliertheit oder im Abrücken von alten Idealen – was den Grünen jüngst immer wieder vorgeworfen wurde. „Es liegt vielmehr daran, dass wir den Kern unserer Botschaft immer wiederholen müssen. Das hat keinen Neuigkeitswert mehr“, analysiert die Kandidatin. Botschaftskern sei weiterhin, die Lebensgrundlagen zu erhalten. Ein Ziel, das an Brisanz weiter zugenommen habe.

Aus ihrem „alternativen Leben im Kraichgau mit Selbstversorger-Tendenzen“ ist laut eigenen Aussagen „nichts mehr geblieben“. Seit Jahren pendelt sie zwischen ihren Stadtwohnungen in Berlin und Karlsruhe. Selbst „Urban Gardening“ sei bei dieser Lebensstruktur unmöglich. Auf ihrer Dachterrasse schaffe sie es gerade mal, einige wenige Pflanzen am Leben zu halten. Und was kommt nach ihrem Leben als Bundestagsabgeordnete? Dramaturgin an der Badischen Landesbühne war sie schon. Eine Kinderwerkstatt hat sie bereits aufgebaut, der eine Frauenwerkstatt angegliedert wurde.

Dozentin bei freien Bildungsträgern war sie auch schon und ein Fernstudium in Psychologie hat sie ebenfalls schon absolviert. „Ich würde gerne Bücher schreiben“, verrät Kotting-Uhl. Gedacht ist an Lebensgeschichtliches. Ihre Großmutter hatte vier Schwestern, allesamt ungeheure Persönlichkeiten.

Quelle: Badische Neueste Nachrichten | Karlsruhe | KARLSRUHE | 22.08.2017 (Konrad Stammschröer)

 

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