Das Thema Sterbehilfe sorgt auch in Karlsruhe für aufgeregte Diskussionen

Badische Zeitung
Emotionale Debatte – Kotting-Uhl pocht auf Recht des Einzelnen
Karlsruhe. Etwa 10 000 Suizide gibt es in Deutschland pro Jahr. 50 Prozent der Menschen erhängen sich, etwa acht Prozent sterben durch Medikamente. Diese Zahlen berücksichtigen unter anderem nicht, das willentliche Verhungern von überwiegend älteren Menschen, denen eine Sterbehilfe verwehrt ist. Um diesen Zustand zu ändern und das Recht des Einzelnen auf ein würdevolles Sterben im Gesetz zu verankern geht es, wenn der Bundestag im November über ein neues Gesetz zur Sterbehilfe diskutiert.
Alle Formen der Beihilfe zum Selbstmord sollen verboten werden, sagen die einen. Denn eine „Werbung“ für den Suizid wolle man nicht machen. Andere Politiker pochen darauf, dass die Angehörigen helfen dürfen, Ärzte aber nicht. Ein weiterer Vorschlag will es den Ärzten ausdrücklich ermöglichen, Patienten zu helfen und dafür die Voraussetzungen regeln. Bei allen Entwürfe geht es um Änderungen der assistierte Sterbehilfe, also dem Bereitstellen eines Medikaments zur Selbsttötung, das der Sterbende selbst einnimmt. „Die aktive Sterbehilfe steht nicht zur Debatte“, verdeutlichte die Karlsruher Grünen-Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl jetzt bei einer Diskussionsrunde in der Fächerstadt.
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Derzeit ist in Deutschland die Beihilfe zum Suizid zwar nicht strafbar, doch es hakt bei den Details: Die Angehörigen stellen das Medikament beispielsweise auf den Nachttisch und müssen dann den Raum verlassen – sonst machen sie sich der unterlassenen Hilfeleistung strafbar. Außerdem muss erst einmal ein Arzt gefunden werden, der die Medizin verschreibt.
Die Befürchtung, dass bei einer Änderung der bestehenden Gesetzeslage älteren Leuten „nahegelegt“ werden könnte, dass „neue Angebot“ anzunehmen, konnte Marion Schafroth von der Vereinigung für humanes Sterben „Exit“ aus der Schweiz ausräumen. „Die Leute werden nicht gedrängt, sie müssen sich regelrecht durchkämpfen, um die Sterbehilfe in Anspruch nehmen zu können“, lautete ihre Erfahrung aus über 30 Jahren Sterbebegleitung. Sie stellte eine riesige Hemmschwelle in Deutschland bei der Thematik fest. Die Senioren seien oft „lebenssatt“ und würden sich die Entscheidung sehr genau überlegen.
Der Theologe Patrik Schneider von der Katholischen Arbeiterbewegung in der Erzdiözese Freiburg vertrat die sozialethische Sicht und plädierte dafür, eine „andere Kultur für Menschen in der letzten Lebensphase“ in unserer Gesellschaft zu etablieren. Vor allem die Pflegeberufe müssten dazu ins Zentrum der Aufmerksamkeit gestellt werden.
Das bestätigten auch die Redebeiträge einiger Ärzte und Pfleger, die im Publikum die Diskussion verfolgten. Ganz unterschiedlich waren die Erfahrungen. Einige Ärzte würden von Patienten regelrecht angefleht, ihr Leiden zu beenden. Andere waren der Meinung, dass bereits mit den bestehenden gesetzlichen Regeln ein würdevolles Sterben möglich sei. Tatsächlich kann es sein, dass keiner der Gesetzentwürfe im Parlament eine breite Zustimmung finde. Auch Kotting-Uhl ließ ihre Entscheidung offen. Zu wenig berücksichtigten die Vorschläge das Recht des Einzelnen und die persönliche Definition von Würde, so ihr Urteil.
Janina Beuscher
Quelle: Badische Neueste Nachrichten | Karlsruhe | POLITIK | Seite 4

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