Der Koloss von Karlsruhe stammt aus der alten Energiewelt

Badische Neueste Nachrichten
Die EnBW hat 1,3 Milliarden Euro in ihr neues Steinkohlekraftwerk am Rhein investiert – es läuft aber nicht kostendeckend
Von unserem Redaktionsmitglied Dirk Neubauer
Karlsruhe. Karlsruhe buddelt tief in der Erde – jeder Bürger, jeder Besucher stolpert über die Baustellen der Kombilösung, die im Zentrum der Fächerstadt verteilt sind. Dabei sollen die Tunnel für Straßenbahnen und Autos laut einer Prognose letztlich insgesamt „nur“ 869 Millionen Euro kosten.
Erheblich teurer war ein Bauprojekt vor den Toren der Stadt, das heute offiziell in Betrieb genommen wird: das Rheinhafendampfkraftwerk 8 (RDK 8) der Energie Baden-Württemberg AG. Satte 1,3 Milliarden Euro hat sich der drittgrößte deutsche Energieversorger den Kraftwerk-Giganten an der Hafeneinfahrt kosten lassen. Schon von weitem weist dieser mit seinem 230 Meter hohen Schlot darauf hin, dass die Fächerstadt nicht nur ein IT-, sondern immer noch ein Industrie-Standort ist.
Dies verdankt die Kommune vor allem der EnBW. Der Energie-Riese mit Sitz in Karlsruhe ist mit einem Jahresumsatz von 21 Milliarden Euro nicht nur das größte Unternehmen mit juristischem Sitz in der Stadt. Es betreibt am Rhein mit dem Kohleblock 7 seit 1985 ein weiteres Großkraftwerk – es liegt in direkter Nachbarschaft zum RDK 8.
Zeitweise war das neue Kraftwerk das größte Bauprojekt im Südwesten: Als der kolossale Kessel gebaut wurde, schufteten dort 2 000 Kräfte. Bereits im Februar 2008 hatte das Regierungspräsidium Karlsruhe das 912-Megawatt-Steinkohlekraftwerk genehmigt. Flugs, nur einen Monat später, ließ der damalige Konzernchef Hans-Peter Villis die Bagger anrollen. Mit dem damaligen Bundeswirtschaftsminister Michael Glos wurde der erste Spatenstich groß gefeiert.
Im Gespräch mit den BNN zeigte sich Villis einmal geradezu begeistert, wie vergleichsweise schnell das Mega-Projekt grünes Licht bekommen hatte. Die Zahl der Gegner im Karlsruher Gemeinderat war vergleichsweise gering. Von den dort vertretenen Fraktionen stimmten nur die Grünen dagegen. In der Bevölkerung gab es größeren Unmut: Karlsruher Kinderärzte wiesen beispielsweise immer wieder darauf hin, dass kleine Patienten aus Stadtteilen im Dunstkreis der großen Kraftwerke am Rhein auffällig oft an Atemwegserkrankungen litten.
Für die heutige offizielle Inbetriebnahme haben Aktivisten des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) eine Protestaktion angekündigt. „Während in dieser Woche die Landesregierung mitteilt, dass die EU-Kommission ein Verfahren wegen der Überschreitung der Luftqualitätsgrenzwerte für Stickoxide im Raum Karlsruhe eingeleitet hat, lässt die EnBW ein Kraftwerk feiern, das jährlich bis zu 2 000 Tonnen dieses gesundheitsschädlichen Gases ausstoßen wird“, kritisiert BUND-Landesgeschäftsführerin Sylvia Pilarsky-Grosch. Auch die Karlsruher Grünen und deren Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl erneuerten gestern ihre Kritik: Das RDK 8 sei „ein klarer Beitrag zur Klimazerstörung und nicht zum Klimaschutz“.
Die EnBW konterte stets und rühmt auch aktuell ihr Projekt: „Die innovative Technologie des neuen Blocks führt zu einer wesentlichen Steigerung des Wirkungsgrades auf über 46 Prozent.“ Auch die Kohlendioxid-Emissionen seien – verglichen mit dem aktuellen globalen Durchschnitt – um rund 30 Prozent gesenkt worden. Das liegt auch an einem (teuren) Spezialstahl, aus dem der Kessel besteht. Insgesamt führte die komplexe Technik dazu, dass das Kraftwerk über zwei Jahre später an den Start ging, als ursprünglich vorgesehen. Auch ein Brand im Kesselhaus, verursacht durch eine Undichtigkeit im Hydrauliksystem, machte den Kraftwerks-Machern einen Strich durch die Zeitrechnung.
Der (Kohle-)Koloss von Karlsruhe wuchs in die Höhe, bevor der Name Fukushima allgemein bekannt war – seit der Reaktorkatastrophe in Japan ist die Energie-Welt bekanntlich eine andere. Auch Villis musste gehen.
Die Eigentümer der EnBW gewannen Frank Mastiaux als neuen Chef. Dieser setzt vor allem auf erneuerbare Energien. Dennoch ließ sich die neue Nummer eins häufig von der Konzernzentrale im Osten der Stadt zum Kraftwerk im Westen Karlsruhes fahren und setzte dort den Bauhelm auf – der technikbegeisterte Mastiaux konnte und kann auch mit dem RDK 8 viel anfangen. Sorge bereitet es dennoch: Das neueste Kraftwerk-Kind der EnBW deckt nicht seine Vollkosten. Kohlendioxidzertifikate sind billig zu haben, was für Dreckschleudern wie alte Braunkohlekraftwerke von Vorteil ist. Ansonsten priorisiert die Politik Strom aus Sonnen- und Windkraft. Letztlich haben darunter Steinkohle- und Gaskraftwerke zu leiden. Die Terminmarktpreise sind im Keller – und eine Verbesserung der Marktsituation ist nach Einschätzung der EnBW nicht in Sicht. Deshalb würde das Unternehmen auch am liebsten seine alten Blöcke in Walheim, Marbach und Heilbronn abschalten – sie darf aber nicht. An ihrem Steinkohlekraftwerk aus dem Jahr 1985, direkt neben dem RDK 8, hält die EnBW fest. Doch ist dieses aus wirtschaftlichen Gründen nur noch relativ selten in Betrieb.
Um die Margen-Misere zu beenden, fordern Teile der Energiewirtschaft und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, einen sogenannten Kapazitätsmarkt aufzubauen. Das bedeutet, den Betreibern der konventionellen Kraftwerke eine Vergütung zu bezahlen, damit sie diese Stromlieferanten als Reserve vorhalten. Die Politik scheut bislang, einen solchen unpopulären Schritt zu gehen, denn letztlich müsste der Verbraucher die Zeche zahlen.
Die EnBW favorisiert zunächst als Ausweg die sogenannte „strategische Reserve“. „Wenn die Bundesnetzagentur einen aktuellen Bedarf feststellt, können die Versorger ihre Kraftwerke in einer vom Markt getrennten Reserve anbieten. Die besten Angebote erhalten dann den Zuschlag. Das ist dann ein bedarfsorientierter und marktorientierter Marktmechanismus, der nichts mit Subventionen oder Förderprogrammen zu tun hat. Wenn das nicht ausreicht, wäre ein Kapazitätsmarkt dann der nächste Schritt“, erläutert eine EnBW-Sprecherin gegenüber den BNN.
Zum Feiern war der EnBW jedenfalls offenbar nicht zumute, als sie ihr RDK 8 bereits Mitte Mai dieses Jahres still und heimlich regulär ans Netz gehen ließ. Erst auf Nachfrage bestätigte der Konzern seinerzeit entsprechende BNN-Informationen.
Fünf Monate später geht der Konzern nun doch in die Offensive – mit einem „Tag der offenen Tür“ am heutigen Samstag. Prominenten Besuch gibt es auch: Günther Oettinger hat sich während seiner Amtszeit als Energiekommissar der EU immer wieder kritisch über den deutschen Weg der Energiewende geäußert – nicht nur wegen der kräftig gestiegenen Strompreise. Zu Mastiaux hat er nach BNN-Informationen ohnehin einen guten Draht. Und Karlsruhes Oberbürgermeister Frank Mentrup wird bei der Feierstunde einmal mehr deutlich machen können, dass es in Karlsruhe noch teurere Projekte gibt als die Kombilösung.
Badische Neueste Nachrichten | Karlsruhe | ZEITGESCHEHEN | 11.10.2014

Print Friendly, PDF & Email

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://kotting-uhl.de/site/der-koloss-von-karlsruhe-stammt-aus-der-alten-energiewelt/