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Deutschland sucht das Super-Lager – Karlsruher Atomtage mit prominenten Gästen

Badische Neueste Nachrichten

Bericht der Endlager-Kommission
Von unserem Redaktionsmitglied Tobias Roth

Karlsruhe. Deutschland im Jahr 2100. Es gibt ein Medikament gegen Krebs. Auf den Straßen sausen Elektroautos ohne Fahrer. Und in den Geschäften wird schon lange nicht mehr mit Bargeld bezahlt. In diesen, aus heutiger Sicht fernen Zeiten, könnte es endlich soweit sein: In Deutschland gibt es ein Endlager für hoch radioaktiven Abfall. Das geht zumindest aus dem Zeitplan hervor, den die Kommission „Lagerung hoch radioaktiver Abfälle“ in ihrem Bericht vage umrissen hat. Vergangene Woche war das über 600 Seiten starke Werk dem Bundestag übergeben worden. Über zweieinhalb Jahre hatte die Kommission daran gearbeitet. Ihr Ziel war es, ein Verfahren zu erarbeiten, anhand dessen man in Deutschland einen Standort für ein Endlager suchen sollte.

Damit beginnt nun ein neues Kapitel in der seit Jahrzehnten politisch höchst umstrittenen Endlagersuche. Die Karlsruher Atomtage greifen nächste Woche dieses Thema auf. Zum Auftakt am Donnerstagabend wird Ursula Heinen-Esser, Vorsitzende der Endlager-Kommission, die Ergebnisse vorstellen. Der Bericht macht deutlich, wie hoch komplex das Thema ist und welche Mammutaufgabe mit der Suche nach einem Endlager der Politik bevorsteht. Dabei geht es einerseits um einen geeigneten Standort, andererseits aber auch darum, wie die Bürgerinnen und Bürger bei der Suche eingebunden werden können. Letztlich muss es für ein solches Lager in der betroffenen Region auch eine gesellschaftliche Akzeptanz geben – und das könnte am Ende einer der Knackpunkte werden. Darüber berichtet der Sozial- und Politikwissenschaftler Wolf Schluchter in seinem Vortrag.

Bei der anschließenden Diskussionsrunde unter dem Titel „Wird die Endlagersuche jetzt fair und gerecht“ debattieren der BUND-Vorsitzende Klaus Brunsmeier, der als einziges stimmberechtigtes Kommissions-Mitglied dem Abschlussbericht nicht zugestimmt hatte, KIT-Forscher Armin Grunwald, RWE-Vorstandsmitglied Gerd Jäger und die Karlsruher Grünen-Bundestagsabgeordnete und Atomexpertin Sylvia Kotting-Uhl. Welche immensen Voraussetzungen ein Endlager rein technisch erfüllen muss, wird schon deutlich beim Blick auf die Kriterien, die der Gesetzgeber bereits definiert hat. Für eine Million Jahre soll das Lager „bestmögliche Sicherheit“ bieten, rein rechnerisch ein Zeitraum, in dem die Erde 20 Eiszeiten erlebt. Das Lager muss gesellschaftliche Umwälzungen, Kriege und Klimaveränderungen überstehen. Und 500 Jahre lang soll es möglich sein, den Atommüll notfalls wieder zurückzuholen. Deutschland sucht also ein Super-Lager. Und das soll, so die Empfehlung der Kommission, in einer Gesteinsformation mehrere hundert Meter tief unter der Erde sein.

Klar ist heute schon, dass hoch radioaktive Abfälle noch auf Jahrzehnte hinweg zwischengelagert werden müssen. Auch darum wird es bei den Atomtagen gehen. „Was tun in der Zeit bis zur Endlagerung?“ fragt Robert Habeck, Grünen-Umweltminister von Schleswig-Holstein, in seinem Vortrag. Bei der anschließenden Podiumsdiskussion sind unter anderem der Philippsburger Bürgermeister Stefan Martus und Umweltaktivist Jochen Stay dabei, Sprecher der Initiative „ausgestrahlt“. Beim dritten Themengebiet, der europäischen Atompolitik, diskutieren Rebecca Harms, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europaparlament, der Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital und Maria Betti, Direktorin des Instituts für Transurane, das sich auf dem Gelände des ehemaligen Forschungszentrums auf dem KIT Campus Nord befindet. Die Einrichtung der EU-Kommission arbeitet mit Kernbrennstoffen und erforscht beispielsweise die Behandlung hoch radioaktiver Abfälle. Jüngst haben dort die Bauarbeiten für ein neues, 60-Millionen-Euro teures Laborgebäude begonnen.

Quelle: Badische Neueste Nachrichten | Karlsruhe | FORUM | 09.07.2016