Die „Black-Box“ im Karlsruher Hardtwald

Badische Neueste Nachrichten

Großes Atommülllager / Rückbau verzögert sich
Kotting-Uhl übt scharfe Kritik „Ein großer Verschiebebahnhof“

Karlsruhe. Im einstigen Forschungszentrum Karlsruhe, 1956 als Reaktorstation gestartet, stand schon bald nach dem Krieg Deutschlands erster Atomreaktor: als solcher errichtet für Versuchszwecke. Die „Wiederaufarbeitungsanlage“ (WAK) und der „Schnelle Brüter“ kamen in den 1970er Jahren hinzu. Vier Reaktoren waren so im Laufe der Zeit entstanden. Seit 1991 ist Schluss damit: Mit dem seither laufenden Rückbau sammelte sich im Karlsruher Hardtwald ein gigantisches Atommülllager an. Zuletzt häufte sich die Kritik am Tempo des Rückbaus. Das machte jetzt auch die Karlsruher Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl (Grüne) mit einer Anfrage zum Thema.

Im Herbst 2015 hatte die Rückbaugesellschaft, ein Tochterunternehmen der Energiewerke Nord (EWN) in Greifswald, den Antrag auf einen Erweiterungsbau gestellt: für weitere 30 000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive nukleare Abfälle. 70 000 Kubikmeter häuften sich in mehr als 25 Jahren bislang schon an, „verpackt“ unter anderem in mehr als 77 500 eigens dafür hergestellten Stahlfässern mit gelber Hülle und versehen mit dem Atommüll-Signet „Achtung Strahlung“.

Im Jahr 2015 hatte sich auch der Bundesrechnungshof zu Wort gemeldet: Dieser monierte „erhebliche Mängel in der Projektorganisation“, es fehle an Transparenz, durch die „immer wieder auftretenden Verzögerungen“ seien erhebliche Mehrkosten entstanden. War noch vor wenigen Jahren laut einem Bericht des Bundesforschungsministeriums für den Zeitraum bis Ende 2012 von Kosten in Höhe von 1,4 Milliarden Euro (allein für den Bund) die Rede, so sind laut der Prognose für die Folgejahre nach 2013 weitere rund 2,5 Milliarden Euro an Kosten zu erwarten. Kritiker sprechen inzwischen von mehr als fünf Milliarden Euro, die beim Rückbau der vier Reaktoren im Hardtwald anfallen.

Auch der Zeitplan hat sich immer weiter verschoben. War ursprünglich für die beiden größten Reaktoren, die WAK und den „Schnellen Brüter“, ein Rückbau bis zum Jahr 2023 angedacht, habe sich inzwischen der Termin für den Abschluss „aller Rückbauarbeiten“ vom Jahr 2035 auf 2063 verschoben. Das bestätigt die Betriebsleitung in Interviews. Sogar ein früherer Geschäftsführer der Rückbaugesellschaft meldete sich kürzlich in seinem Blog zu Wort. Er spricht von „einer Black-Box im Dunkel des umgebenden Hardtwalds“, die, abgeschirmt von der Öffentlichkeit, und „gut ausgestattet mit öffentlichen Mitteln“, offenbar gedenke „noch bis zum Jahr 2063 so weiter zu wursteln“. Er spricht gleichzeitig von „Deutschlands sicherstem Arbeitsplatz“. Rund 1000 Mitarbeiter sind regelmäßig im Hardtwald nördlich der Fächerstadt beschäftigt.

Nun hat sich auch Sylvia Kotting-Uhl, die atompolitische Sprecherin der Grünen Bundestagsfraktion ist, eingeschaltet: Sie wollte in zwei Anfragen an die Bundesregierung wissen, welche Menge des Karlsruher Atommülls bereits „fertig konditioniert“ für die Endlagerung im geplanten „Schacht Konrad“ bereit stünde. Noch „kein einziges Gebinde“ habe jetzt schon die Freigabe zur Endlagerung, hieß es im Schreiben der Parlamentarischen Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, der Waldshuter SPD-Bundestagsabgeordneten Rita Schwarzelühr-Sutter.

Kotting-Uhl ärgert das: In Karlsruhe habe „jahrzehntelanger Atomfilz zwischen Staat, Forschung und Industrie“ zu den von der ganzen Gesellschaft zu tragenden Problemen geführt. Verschleppte Risiken und Kostenexplosionen hätten nur geschehen können „weil Intransparenz herrschte“, sagt sie. Auch die EWN würden „immer wieder zum Geschäftemachen und zu Billiglösungen“ tendieren, übt die Karlsruher Grüne Kritik. Die seit 2003 mit den Arbeiten betrauten Energiewerke Nord müssten mehr tun, um mit Karlsruhes Atommüll „schneller voranzukommen“.

Mit Kotting-Uhls Anfragen wurde offiziell bestätigt, dass die Siemens AG – also eine private Firma – erstmals überhaupt eine größere Menge nuklearer Abfälle „fertig konfektioniert“ für die Endlagerung in „Schacht Konrad“ bereitstellte: Am 25. September 2014 wurden 541 so genannte „Konrad-Container“ mit Atommüll aus dem ehemaligen Siemens-Brennelementewerk im hessischen Hanau „freigegeben“. Dabei handelt es sich laut Recherchen der BNN um 2 921 Kubikmeter Abfälle aus dem 1995 aufgegebenen Betrieb – und den bereits 2005 in Hanau abgeschlossenen Rückbauarbeiten. Ein Teil dieses in Containern verpackten Atommülls lagert seit der Freigabe im Karlsruher Hardtwald. Dort aber, als Teil eines staatlichen Unternehmens, ist man noch nicht soweit. Zwar hat man in Karlsruhe selbst erst vor wenigen Jahren den, laut Experten, „exotischsten Teil“ der nuklearen Reststoffe bereits quasi „entsorgt“ – aber im Endeffekt auch diesen nur an einen anderen, weit entfernten Ort verfrachtet. 60 000 Liter hoch radioaktive Flüssigabfälle aus den einstigen Anlagen, „High Activate Waste Concentrate“ (HAWC) genannt, wurden von September 2009 bis November 2010 im Hardtwald bearbeitet, verglast und in insgesamt 140 (Glas-) Kokillen mit jeweils 400 Kilogramm verschmolzen. Der hoch radioaktive Abfall wurde im Februar 2011 aus dem Südwesten in Castor-Behältern per Bahn in das nahe Greifswald, direkt an der Ostsee gelegene, Lubmin verbracht. Beobachter sprechen von „einem einzigen großen Verschiebebahnhof“.

Quelle: Badische Neueste Nachrichten | Karlsruhe | SÜDWESTECHO | 25.03.2017/ Von unserem Mitarbeiter Stefan Jehle

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