Eine Frage von Leben und Tod

Badische Neueste Nachrichten

Experten diskutierten in Karlsruhe zum Thema Widerspruchslösung bei Organspenden

Von Tobias Roth

Karlsruhe. Das Problem ist schnell beschrieben: Es gibt in Deutschland zu wenige Organspender. Ein Tiefpunkt war vor zwei Jahren erreicht. 2017 spendeten nur 797 Menschen Organe. Deutschland rutschte in der Statistik der Organspender auf einen Platz unter den letzten Zehn ab, zwischen Chile und Bulgarien. Spitzenreiter in dieser Statistik ist seit vielen Jahren Spanien. Auf eine Million Einwohner kommen in Spanien über 45 Spender, in Deutschland waren es 2017 etwa neun. Zwar sind die Zahlen 2018, nach vielen Jahren des Rückgangs, überraschend deutlich gestiegen – auf einen Wert von gut elf Spender auf eine Million Einwohner. Aber von spanischen Verhältnissen ist Deutschland dennoch weit entfernt. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) warten etwa 10 000 Patienten auf eine Organspende. Die Politik will gegensteuern. Und ein erster Schritt ist bereits getan.

Das „Gesetz für bessere Zusammenarbeit und bessere Strukturen bei der Organspende“ ist verabschiedet, es soll demnächst in Kraft treten. Krankenhäuser sollen dann mehr Geld bekommen, um sich stärker um Organspenden kümmern zu können. Und auch die Rolle der Transplantationsbeauftragten in den Kliniken wird gestärkt. Der zweite Schritt soll nach den Vorstellungen von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die sogenannte Widerspruchslösung sein. Das bedeutet, jeder Mensch ist automatisch Organspender, wenn er nicht aktiv widerspricht. Und genau um diese Regelung drehte sich eine Podiumsdiskussion am Mittwoch- abend in Karlsruhe.

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl hatte Experten eingeladen, um auszuloten, was diese Änderung bedeuten würde. Sie habe das Gefühl, bekannte Kotting-Uhl, dass mit der Widerspruchslösung das Verhältnis von Staat und Bürger „auf den Kopf“ gestellt werde. Der Staat greife damit in einen sehr persönlichen Bereich ein. In Deutschland gilt derzeit noch die sogenannte Entscheidungslösung. Jeder soll die eigene Bereitschaft zur Organspende auf der Grundlage fundierter Informationen prüfen und schriftlich festhalten. Die Krankenkassen schicken alle zwei Jahre einen Organspendeausweis per Post zu, verbunden mit der Aufforderung, seine Entscheidung schriftlich festzuhalten.

Bernhard Krämer, Direktor der Medizinischen Klinik in Mannheim und seit vielen Jahren in der Transplantationsmedizin tätig, machte deutlich, dass die Widerspruchslösung sicherlich kein Allheilmittel sei. Aber die Situation in Deutschland sei „katastrophal“, Menschen sterben auf Wartelisten, weil sie kein Organ bekämen. Krämer erklärte, laut Umfragen befürworten 80 Prozent der Bevölkerung Organspenden. Mit der Widerspruchslösung, die er unterstützt, gebe man also einer Minderheit die Möglichkeit, zu widersprechen. Zudem führe die Änderung vielleicht auch dazu, dass die Organspende „als etwas normaler“ angesehen werde.

Auch Günter Gerich, Vorsitzender des Vereins „Interessengemeinschaft Nierenkranker Nordbaden“, sprach sich für die Widerspruchsregelung aus, die in der EU bereits in 22 Ländern gesetzlich verankert sei. Gerich betonte, dass es gerade für die Angehörigen oftmals eine schwere Entscheidung sei, wenn sie über eine Organentnahme entscheiden müssten.

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Kirsten Kappert-Gonther, selbst Ärztin, hält die Widerspruchslösung hingegen für falsch. Sie greife in die körperliche Integrität ein, die über den Tod hinaus reiche. Es müsse auch die Freiheit geben, sich nicht mit dem Thema befassen zu wollen. Das Problem liege ohnehin in den Klinik-Strukturen, betonte Kappert-Gonther, die sich auch in Spanien ein Bild der Lage machte. Dort hätten die Mediziner deutlich gemacht, dass die Widerspruchslösung ohnehin als Zustimmungsregelung praktiziert werde, weil nämlich die Angehörigen vor der Organentnahme noch einmal gefragt werden. Kappert-Gonther will statt der Widerspruchslösung ein Onlineregister für Spender, in das sich jeder eintragen kann, der das möchte. Zudem sollen die Bürger in Behörden, etwa wenn sie einen neuen Pass beantragen, zur Organspende befragt werden.

Klaus Schäfer, ehemaliger Klinikseelsorger der St. Vincentius-Kliniken in Karlsruhe, machte deutlich, dass alle bisherigen Bemühungen der Politik, die Zahl der Organspender zu erhöhen, gescheitert seien. Gerade einmal 16 Prozent derjenigen, die auf Intensivstationen für Hirntod erklärt werden (nur solche Menschen kommen für eine Organspende überhaupt in Frage), hätten eine schriftliche Erklärung abgegeben, ob sie Organe spenden wollen. Schäfer appellierte an jeden Einzelnen, sich mit dem Thema zu befassen. Wer das schlichtweg verdränge oder es nicht regeln wolle, schiebe letztlich auch seinen Angehörigen den Schwarzen Peter zu, die dann eventuell über eine Organspende entscheiden müssten. Bei der Widerspruchslösung sei zumindest klar, dass es ein Nicht-Entscheiden nicht mehr gebe. „Der Staat regelt, was Sie nicht regeln.“

Mit freundlicher Genehmigung der BNN

Badische Neueste Nachrichten | Karlsruhe | ZEITGESCHEHEN | 28.03.2019

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