Kotting-Uhl, MdB, Bundestag, Bündnis 90/Die Grünen, Karlsruhe

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Europäische Energieforschung auf dem atomaren Irrweg

Gastbeitrag für die Frankfurter Rundschau

Ist eine Rolle rückwärts ins atomare Zeitalter die europäische Antwort auf die Herausforderungen, die Klimawandel und Erderwärmung an die Menschheit stellen? Zu dieser Schlussfolgerung kann man durchaus gelangen in Anbetracht von Laufzeitverlängerungen für zahlreiche Schrottmeiler an Deutschlands Außengrenzen, wahnwitziger Neubauvorhaben wie das hochsubventionierte AKW Hinkley Point C in Großbritannien und – jüngstes Beispiel- mit Blick auf die Pläne für die Ausrichtung der europäischen Energieforschungspolitik. Im Entwurf eines aktuellen Strategiepapiers will die EU-Kommission den Bau flexibler Mini-Atomkraftwerke bis zum Jahr 2030, die Entwicklung von neuen Reaktoren der IV. Generation und den Weiterbau des ITER fördern.

Ausgehend vom Verursacherprinzip tragen vor allem die reichen Industrieländer eine besondere Verantwortung, den Sprung in die emissionsfreie Energiewirtschaft zu meistern. Es ist Irrweg und Spiel mit dem Risiko gleichermaßen, dabei als vermeintlich CO2-freie Technologie auf Atomkraft zu setzen. Egal ob in altem oder neuen Gewand.

Atomkraftwerke verursachen zwar im Betrieb keine CO2-Emissionen. Die Treibhausgasemissionen sind überwiegend der Stromproduktion vor- und nachgelagert. Betrachtet man den gesamten Lebensweg – von Uranabbau, Brennelementherstellung, Kraftwerksbau und -rückbau bis zur Endlagerung – so ist bei den einzelnen Stufen des Zyklus zum Teil ein hoher Energieaufwand nötig, wobei Treibhausgase emittiert werden. So mögen Atomkraftwerke der IV. Generation und Small Modular Reactors, wenn sie denn je zum Einsatz kämen, weniger CO2 produzieren als Kohlekraftwerke, aber immer noch mehr als die Erneuerbaren Energien. Auch aus Klimaschutz-Erwägungen sind sie nicht das Gebot der Stunde.

Die Fusionsforschung ist ein Milliardengrab ohne Aussicht auf nennenswerte Erfolge. Das zeigt vor allem das ITER-Projekt: ein Kernfusionsreaktor, der unter Beteiligung von EU, USA, Russland, China, Indien, Japan und Südkorea im französischen Cadarache gebaut wird. Die Kostenschätzungen sind von 4,6 Milliarden Euro im Jahr 2001 auf mittlerweile etwa 20 Milliarden gestiegen. Zeitliche Verzögerungen, Missmanagement und mangelnde Transparenz sind an der Tagesordnung. Wenn überhaupt, dann würde diese Technologie frühestens im Jahr 2050 einsatzreif sein. Bis dahin werden wir unsere Energieerzeugung längst vollständig auf erneuerbare Energien umgestellt haben müssen. Wind- und Sonnenstrom werden dann unschlagbar günstig sein. Die zentrale, schlecht regelbare Großstromerzeugung von Fusionsreaktoren ist schon heute nicht mehr zeitgemäß. Darüber hinaus bergen sowohl Kernfusion als auch neue Reaktortypen die Gefahr der Proliferation, binden Gelder, die besser für die Erneuerbarenforschung eingesetzt werden könnten und produzieren Atommüll, für den es bisher kein Endlager gibt.

Es ist gut und richtig, dass Umweltministerin Hendricks das Vorhaben der EU-Kommission als „verrückte und unverantwortliche Idee“ geißelt und Wirtschaftsminister Gabriel feststellt, dass „wir jede Form der europäischen Förderung von Atomenergie ablehnen“. Dabei scheinen sie allerdings eine wichtige Tatsache völlig aus dem Blick verloren zu haben: Trotz des in Deutschland nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima beschlossenen Atomausstiegs investiert die Bundesregierung weiterhin große Summen an Steuergeldern in atomare Forschung jenseits der notwendigen Sicherheits- und Endlagerforschung.

So sind im 6. Energieforschunsgprogramm mindestens 600 Millionen Euro des 2,7 Milliarden schweren Gesamtetats für die Erschließung neuer Formen der Atomkraft eingestellt und im Bundesbericht Energieforschung 2016 findet sich die Aussage, dass „die Bundesregierung zur langfristigen Sicherung der Energieversorgung in Deutschland auch auf die Fusionsforschung setzt“. Eine Reform des antiquierten und seit seiner Unterzeichnung im Jahr 1957 unveränderten Euratom-Vertrags, der die „Entwicklung einer mächtigen Kernindustrie“ zum Ziel hat, lehnt die Bundesregierung kategorisch ab, lobt im Brustton der Überzeugung die Vorreiterrolle Deutschlands bei der Fusionsforschung und füttert fleißig die Geldverbrennungsmaschinen ITER und Wendelstein 7-X.

Wer aber mit seiner lautstarken und berechtigten Kritik an den atomaren Forschungs-Phantasien der EU-Kommission glaubwürdig sein will, darf nicht mit zweierlei Maß messen. Deshalb muss die Bundesregierung endlich auch den Atomausstieg in der Energieforschung konsequent umsetzen, die frei werdenden Mittel zu 100 Prozent für das Gelingen der Energiewende einsetzen und sich für eine Reform des verstaubten Euratom-Vertrags engagieren.

Auf der internationalen Klimakonferenz in Paris im Dezember 2015 hat sich die Weltgemeinschaft in einem historischen Schritt dazu verpflichtet, eine gemeinsame Antwort auf die Klimakrise zu finden. Eine unbeherrschbare Technologie wie die Atomkraft kann nicht Teil dieser Antwort sein. Ich hoffe, dass sich die EU-Kommission in der weiteren Bearbeitung ihres Strategiepapiers doch noch die Worte Albert Schweizers zu eigen macht, der bereits wusste: „Mit gutem Beispiel voranzugehen, ist nicht nur der beste Weg, andere zu beeinflussen, es ist der einzige.“