Kotting-Uhl, MdB, Bundestag, Bündnis 90/Die Grünen, Karlsruhe

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Fachgespräch „Vier Jahre nach Fukushima: Chancen für eine Energiewende“

Bericht vom Fachgespräch am 06.03.2015

Am 11. März 2015 jährt sich der Tag der Reaktorkatastrophe von Fukushima zum vierten Mal. Aus diesem Anlass lud Sylvia Kotting-Uhl zu einem Fachgespräch mit dem Titel „Vier Jahre nach Fukushima: Chancen für eine Energiewende“ am 6. März 2015 in den Bundestag ein. Dabei ging es um den aktuellen Stand der Sicherung des Atomkraftwerkes in Fukushima, die Folgen der Katastrophe und die Energiewende in Japan. Zu Gast waren Dr. Christoph Pistner vom Öko-Institut Darmstadt, Tomoyuki Takada und Eva Axnix-Takada von Atomfree Japan, Prof. Dr. Peter Hennicke vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie und Manfred Rauschen vom Öko-Zentrum NRW.

In ihrer Begrüßungsansprache gedachte Sylvia Kotting-Uhl der Reaktorkatastrophe von Fukushima. Davon ausgehend drückte sie ihre Hoffnung auf eine Energiewende in Japan aus, denn das Land habe großes Potenzial, den Umstieg auf erneuerbare Energien zu meistern.

Pressemitteilung Fukushima – „die permanente Katastrophe“

 

 

1. Beitrag von Dr. Christoph Pistner, Öko-Institut e. V. Darmstadt als PDF

In seinem Vortrag gab Herr Dr. Pistner einen Überblick über den aktuellen Stand sowie die Entwicklungen und Probleme im Atomkraftwerk Fukushima-Dai-ichi.

Laut seinem Bericht wurde Block 1 des Atomkraftwerkes während der Katastrophe weitestgehend zerstört, was zu einer Kernschmelze im Inneren führte. Der Block ist bereits kurz nach dem Unglück eingehaust worden. Von Block 2 und Block 3 und deren geschmolzenen Kernbrennstoffen wisse man zum jetzigen Zeitpunkt dagegen wenig, so Pistner. Die Arbeiten in Fukushima gehen an anderer Stelle aber gut voran: Die Trümmer der Reaktoren wurden weitestgehend beseitigt und in Block 4 konnten bereits 2014 alle Brennelemente geborgen werden, sodass dieser Block heute brennstofffrei ist. Die nächsten Schritte sind laut Christoph Pistner die Bergung der Brennstoffe aus den Lagerbecken und aus den Reaktorblöcken, die weitere Stabilisierung der Gebäude und der Rückbau der Reaktoren. Dafür werden vom AKW-Betreiber 30 bis 40 Jahre angestrebt, was der Referent jedoch für eine sehr optimistische Planung hält.

Hinsichtlich der Kühlung der Reaktoren machte Herr Pistner deutlich, dass dieses Projekt eine große Herausforderung darstellt. Aus dem Keller wird das kontaminierte Kühlwasser gereinigt und von Cäsium befreit, um dieses schließlich wieder in den Kühlungskreislauf für den Reaktor einzuspeisen. Die Gefahr bestehe allerdings in der Undichte der Gebäude, weil in den Kellerräumen Grundwasser eintritt, was – neben dem generellen Kühlwasser – zu großen Mengen kontaminierten Wassers führt. Daran knüpft sich ein weiteres großes Problem an, nämlich die Lagerung dieses Wassers auf dem Gelände. Häufige Leckagen der Lagertanks führten zu Austritten radioaktiver Flüssigkeiten, die ebenfalls ins Grundwasser eindringen. Christoph Pistner schlug vor, bessere Tanklagerungen zu bauen, die das kontaminierte Wasser auffangen, und die Keller trockenzulegen. Eine wichtige Frage in diesem Zusammenhang sei auch, wie auf langfristige Sicht mit dem gereinigten Wasser, das aber noch Tritium enthält, umgegangen werden solle.

Gegen Ende seines Vortrags ging Herr Pistner noch auf die Folgen des Reaktorunglücks ein undmachte deutlich, dass diese noch Jahrzehnte lang zu spüren sein werden. Mit Blick in die Zukunft warf er die Frage auf, wie eine Wiederbesiedlung der verstrahlen Gebiete aussehen könnte. In seinemFazitzitierte Herr Pistner den ehemaligenjapanischen Premier Naoto Kanmit den Worten:  “I have reached the conclusion, (…) that the only option is to promote a society free of nuclear power”.

 

Vortrag von Dr. Christoph Pistner als PDF-Datei

 

 

2. Beitrag von Tomoyuki Takada und Eva Axnix-Takada, Atomfree Japan e.V. 

Zu Beginn seiner Rede berichtete Tomoyuki Takada kritisch über die tiefe Verwurzelung der Atomkraft in Japan. Sowohl im Energiemix als auch beim Export sei die Atomkraft-Technologie fest verankert. Herr Takada lobte deswegen die mutige Entscheidung des ehemaligen japanischen Premierministers Naoto Kan, gleich nach der Katastrophe von Fukushima alle Atomkraftwerke abzuschalten. Kan legte später den Grundstein für Erneuerbare Energien als sichere Alternative zur Atomenergie in Japan und tritt heute als scharfer Atom-Kritiker auf. Mittlerweile sei die Atomkraft jedoch wieder fester Bestandteil der japanischen Energiepolitik. Takada kritisierte scharf die Rückkehr zur Atomkraft, welche die japanische Regierung für Sommer 2015 plant, und sprach von „verpassten Chancen zu mehr Demokratie“. Als Beispiel nannte er die zwei AKW Takahama (Wakasa-Bucht) und Sendai (Kyushu), die bald wieder ans Netz gehen sollen. Er hob hervor, wie wichtig es sei, in diesen Zeiten auf erneuerbare Energien zu setzen, da man Atomkatastrophen und eine Wiederholung von Fukushima nie ausschließen könne. Er vermutet hinter den derzeitigen Atom-Plänen der Regierung die Interessen der Industrie, des Wirtschaftsministeriums und der Elektrizitätswerke Japans. Gerade die Atomlobby in Japan ist sehr mächtig. Sie verfügt über starke Positionen in Medien, Wissenschaft und Teilen der Arbeiterschaft.

Darüber hinaus hob er die Bedeutung der AKW-Notfallzentren hervor, bemängelte aber, dass in vielen Kraftwerken diese wichtigen Notfallzentren erst in den letzten Jahren errichtet worden seien. Herr Takada machte außerdem deutlich, welche weitreichenden Konsequenzen der Atomunfall von Fukushima auf regionale Produkte, insbesondere auf japanische Lebensmittel, hat. Wegen der Strahlenbelastung sei die japanische Küche als kulturelles Erbe des Landes im Ganzen gefährdet.

Vortrag von Tomoyuki Takada als PDF

 

Anschließend las seine Frau Eva Axnix-Takada einen sehr bewegenden Brief eines 13-jährigen Mädchens vor, das das Unglück von Fukushima erlebt hatte. Eindringlich beschreibt das Mädchen, wie die dortige Bevölkerung mit den langfristigen Folgen der AKW-Unfälle, den gesundheitlichen Konsequenzen durch die Strahlung und der psychischen Belastung durch den Verlust der eigenen Heimat, umgeht:

„Vergebt uns, unseretwegen müsst ihr heute so leiden.“ Das sagte eine unbekannte weinende Frau zu mir. Ich brachte keine Antwort hervor. Es wäre eine Lüge, wenn ich sagte: So schlimm war es nicht. „Ich bleibe in Fukushima“, sagte ich. Meine Mutter ist niedergeschlagen – so möchte ich sie nicht sehen. Wenn ich in Fukushima bleibe, steigt die Wahrscheinlichkeit einer späteren Erkrankung. Heiraten, Kinder kriegen – der innere Widerstand wächst. Trotzdem ein Kind zur Welt bringen? Dann kann es im Leid leben und das meinetwegen. Warum hätte ich es zur Welt gebracht? Schuldgefühle und Reue würden mich immer quälen. Das ist nicht hundertprozentig sicher, aber die Wahrscheinlichkeit steigt. Die Ursachen dafür sind die AKW-Unfälle vom 11. März. Der Austritt der Radioaktivität hört nicht auf. Vieles kann man im Alltag vergessen. Vergessen, Lachen, ich kann wieder Spaß haben. Aber Atomkraftwerk, radioaktive Strahlung, Unfallgeschädigte … Das sind Worte, bei denen ich das Lachen nicht mehr halten kann. Der Kopf fängt an, weh zu tun; die Brust zieht sich zusammen. Was heute zu tun, heißt nicht ‚das Verbleiben in Fukushima‘. Zu schützen ist nicht die Fukushima-Region. Zu schützen ist meine eigene Gesundheit. Damit das nächste Leben glücklich wird und das darauffolgende Leben geboren und gesund sein kann, muss das Ich von heute gesund bleiben. Ich möchte, dass jeder weiß, dass die Zukunft der Kinder gefährdet ist. Dieses Leid, diesen Schmerz darf ich nicht in Vergessenheit geraten lassen.

Mina Sato

Hintergrundinformationen und Auszüge aus dem Brief

Diskussionsrunde

In der Diskussionsrunde  stellte das Publikum Fragen zum Unfallhergang und der Explosionsart, die zur Kernschmelze führte. Als technischer Experte antwortete Herr Pistner, dass es nach seinen Erkenntnissen in allen Reaktoren Wasserstoffexplosionen gewesen seien . Er führte weiterhin aus, dass in den Reaktorblöcken die Positionen der Reaktorkerne ungeklärt seien, was die Kühlung problematisch mache. Während der Diskussion ging man auch der Frage nach, was der eigentliche Auslöser der Reaktorkatastrophe war: das Erbeben oder der Tsunami Laut Herrn Pistner sei der Unfallablauf nicht genau geklärt, es könne aber davon ausgegangen werden, dass der Tsunami der entscheidende Faktor zum GAU gewesen sei.

An Herrn Pistner wurde auch die Frage gerichtet, wie groß die Freisetzungsmenge von Radioaktivität in Fukushima im Vergleich zu anderen AKW-Unfällen gewesen ist. Er antwortete, dass die freigesetzte Radioaktivität ca. ein Zehntel bis ein Fünftel so groß sei wie die von Tschernobyl.

Des Weiteren ging es um die Wiederinbetriebnahme von Atomkraftwerken in Japan. Herr Takada erklärte, dass bei der Entscheidung über solche Fragen die Präfektur, Standort-Kommune und umliegende Kommunen zustimmen müssen. Derzeit schafften es die Kommunen noch, das Wiederanfahren des AKW Sendai zu verhindern.

 

3. Beitrag von Prof. Dr. Peter Hennicke, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie

In seinem Vortrag legte Prof. Hennicke dar, wie eine Energiewende in Japan gelingen kann. Dazu stellte er die Vorstudie für einen Kooperationsrat zwischen Deutschland und Japan vor, dessen Aufgabe die Umsetzung der Energiewende in Japan sein soll. Ziel sei dabei ein Wissensaustausch zwischen beiden Ländern auf Augenhöhe. Er stellte die These auf, dass die Energiewende in Japan genauso möglich sei wie in Deutschland, da beiden Ländern ähnliche Rahmenbedingungen zugrunde liegen würden.

Hennicke zeigte die Potenziale Japansfür erneuerbare Energien auf. 2013 habe Japan bei den Investitionen für erneuerbare Energien bereits an dritter Stelle im weltweiten Vergleich gestanden.und könne vor allem von einer erhöhten Stromproduktion durch Solarenergie profitieren, so Hennicke. Insgesamt habe der japanische Energiemix schon ca. 10% aus erneuerbaren Quellen, größtenteils allerdings aus traditionellen Wasserkraftwerken.

Er stellte auch die offiziellen Positionen des  Wirtschaftsministeriums und des NEDO (New Energyand Industrial Technology Development Organisation) dar. Diese Institutionen würdenstets auf die hohen Kosten einer Energiewende verweisen. Beispielswiese sei die Solartechnik in Japan sehr teuer, aber der Kostentrend gehe auch in Japan bereits nach unten, bewies Prof. Hennicke anhand von Statistiken. Der Mangel an Flachland in Japan würde oft als Hemmnis für die Errichtung von Windparks angeführt. Hennickegeht davon aus, dass große Windenergie-Potenziale in Japan ungenutzt bleiben.

In Hinblick auf die zukünftige Entwicklung Japans führte Prof. Hennicke die Energiewende in Deutschland an, die auch schneller vollzogen werden konnte, als von Experten prognostiziert. Dafür müsste aber der Energieverbrauch und die CO2-Emissionen deutlich gesenkt werden. Denn nur Effizienz und erneuerbare Energien zusammen machten Klimaschutz und Atomausstieg attraktiv, so Hennicke. Er hält einen kompletten Umstieg auf erneuerbare Energien bis 2050 in Japan für machbar. Er sei sehr optimistisch, weil Japan vor allem von dem hohen Technologiestandard profitieren könne. Am Ende seines Vortrags unterstrich Prof. Hennicke, dass eine Energiewende in Deutschland und in Japan zu einer weltweiten Energiewende führen könne.

Vortrag von Dr. Peter Hennicke als PDF

 

4. Manfred Rauschen, Öko-Zentrum NRW GmbH

In seinem Vortrag stellte Manfred Rauschen Energieeffizienz im Gebäudebereich und nachhaltiges Bauen als wichtige Bestandteile einer Energiewende in Japan vor.

Anfangs berichtete er von seinen positiven Erfahrungen bei der Kooperation zwischen dem Öko-Zentrum NRW und Japan sowie dem Erfolg, einen Gebäude-Energie-Ausweis in Japan entwickelt zu haben. Diese Bewertung der Gebäude-Energieeffizienz sei bei der japanischen Bevölkerung und in der Industrie sehr gut angekommen und würde stark gefördert. In einigen Regionen Japans sei der Energieausweis heute bei Neubauten bereits Pflicht.

Darüber hinaus habe das Öko-Zentrum ein Büro in Japan eröffnet, um dort als beratende Instanz tätig sein zu können und Projekte in Bezug auf nachhaltiges Bauen zu unterstützen. Man setze sich dafür ein, in Japan Mindeststandards für ökologisches Bauen einzuführen und eine japanische Energieagentur ins Leben zu rufen. Dafür stehe das Öko-Zentrum auch in engen Kontakt zu japanischen Politikern.

Einsparungen des Energieverbrauchs im Gebäudebereich seien in den letzten Jahren in Japan jedoch nichterreicht worden, was vor allem an den steigenden Komfortbedürfnissen der Japaner liege, so Herr Rauschen. Er sei aber hoffnungsvoll, dass man zu Erfolgen kommen werde.

Langfristige ökologische Ziele in Japan sind laut Manfred Rauschen die Wärmedämmung im Neubau und Bauen im Bestand. Auch sollte auf der politischen Ebene gemeinsam an Lösungen für die Energiewende gearbeitet werden.

Vortrag von Manfred Rauschen als PDF

 

Abschlussdiskussion

Auf die Frage aus dem Publikum, ob es in Japan auch eine Art Aktivismus für erneuerbare Energien wie in Deutschland gebe, antwortete Herr Rauschen, dass im Moment die bürgerliche Treibkraft für eine Japanische Energiewende nicht mit der aus Deutschland vergleichbar sei. Seiner Ansicht nach brauche der Aufbau solcher gesellschaftlicher Strukturen aber Zeit, um sich entwickeln zu können.

Schließlich ging es auch um die Art der Kooperation zwischen Deutschland und Japan und es wurde bemängelt, dass diese Kooperation zu Japan-lastig sei und Deutschland zu wenig Interesse an Japan zeige.

Auch die Risiken der Wiederinbetriebnahme der Atomkraftwerke in Japan wurden in der Abschlussdiskussion noch einmal aufgegriffen. Prof. Hennicke stellte klar, dass Atomenergie niemals hätte eingeführt werden dürfen und schon gar nicht in Japan. Er nannte es eine „technologische Sackgasse“ mit einem Extremrisiko, was innovationshemmend wirke. Er sehe seine Aufgabe und die des Kooperationsrates darin, der Bevölkerung, der Wirtschaft und der Politik alternative Wege vorzuschlagen und so die Energiewende zu fördern. Er hoffe dabei auf die Kraft der zivilgesellschaftlichen Seite.

Am Ende zeigten sich alle Referenten zuversichtlich, dass Japan auf einem guten Weg sei, aus der Atomenergie auszusteigen und zu erneuerbaren Energien zu kommen. In ihrem Schlusswort machte auch Frau Kotting-Uhl deutlich, dass Deutschland für Japan ein Vorbild sein sollte, um zu zeigen, dass Atomausstieg, Klimaschutz, Wirtschaftlichkeit und ein hoher Lebensstandard miteinander vereinbar seien.

 

Die Fotos als Galerie