Kotting-Uhl, MdB, Bundestag, Bündnis 90/Die Grünen, Karlsruhe

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Fahrplan für die Reise ins Ungewisse – Karlsruher Atomtage zur Endlagersuche

Badische Neueste Nachrichten

Von unserem Redaktionsmitglied Tobias Roth

Karlsruhe. Der Fahrplan steht. Wo und wann die Reise endet, das ist allerdings völlig offen. Sicher ist nur, am Ende soll es in Deutschland ein Endlager für hoch radioaktiven Atommüll geben, das den strahlenden Abfall für eine Million Jahre sicher verschließt. „Das sprengt die menschliche Vorstellungskraft“, findet Ursula Heinen-Esser, Vorsitzende der Endlager-Kommission, deren Mitglieder in den vergangenen zweieinhalb Jahren ein Verfahren erarbeitet haben, das nun die Grundlage für die neu gestartete Suche ist. Das Projekt Endlager sei aufgrund seiner Dimension und Zeitspanne „einmalig in der Politik“, erklärte Heinen-Esser gestern Abend beim Auftakt der Karlsruher Atomtage, bei dem die ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete und parlamentarische Staatssekretärin im Umweltministerium den Bericht der Kommission vorstellte. Beim Zeitplan blieb Heinen-Esser vorsichtig. Dass Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) bis 2031 einen Standort für das Endlager gefunden haben will, nennt Heinen-Esser „sportlich“.

Das Endlager soll einmal 30 000 Kubikmeter hoch radioaktive Abfälle aufnehmen. Hinzu kommen außerdem 220 000 Kubikmeter aus der Schachtanlage Asse sowie 100 000 Kubikmeter Abfälle aus der Urananreicherung, insgesamt also rund 350 000 Kubikmeter, was in etwa 10 000 Lastwagenladungen entspricht. Das macht deutlich, von welcher Größe das Endlager sein muss. Heinen-Esser erklärte, dass nun in drei Phasen der Standort für ein Endlager eingegrenzt werden soll. Wissenschaftler werden sich zunächst mit den vorhandenen Daten über den Untergrund Deutschlands befassen, daraus wird geschlossen, welche Regionen überhaupt infrage kommen. Diese werden dann in der zweiten Phase obertägig erkundet, ehe in der dritten Phase die endgültige Entscheidung über den Standort fallen soll. Ausgeschlossen sind allerdings Regionen mit starken Bergbautätigkeiten wie zum Beispiel das Ruhrgebiet oder auch Erdbebenregionen wie beispielsweise die Rheinebene.

Neben Heinen-Esser diskutierten gestern mehrere Mitglieder der Endlager-Kommission die Ergebnisse und das weitere Vorgehen, wobei durchaus auch die unterschiedlichen Einschätzungen deutlich wurden. So bleibt BUND-Vorsitzender Klaus Brunsmeier skeptisch. Er hatte gegen den Bericht der Endlager-Kommission gestimmt. Es gebe große Bereiche, in denen man „noch nicht weitergekommen“ sei. KIT-Forscher Achim Grunwald, Leiter des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse, sieht in dem Kommissionsbericht vor allem ein Verfahren gewürdigt: „Safety First“, Sicherheit zuerst. Der Bericht sei nicht das Ende, sondern der Anfang einer langen Arbeit. Für RWE-Vorstand Gerd Jäger ist vor allem die Transparenz „bemerkenswert“, zudem seien die Kriterien der Endlagersuche auch im internationalen Vergleich „sehr anspruchsvoll“. Insgesamt hätten die Mitglieder der Kommission „Demut gelernt vor dieser Aufgabe“, die Auswirkungen auf viele folgende Generationen haben werde, erklärte die Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl, die mit den Karlsruher Grünen die Atomtage zum zweiten Mal organisiert hat. Ursula Heinen-Esser betonte, dass es zwar nun einen Fahrplan für das komplexe Verfahren gebe, man nun aber auch vorankommen müsse, denn die Endlagersuche stehe durchaus unter Zeitdruck. „Wir haben das Problem der zwischengelagerten Abfälle“, sagte sie. Und die Zwischenlager seien keinesfalls eine Dauerlösung.

Atomtage

Bei den Karlsruher Atomtagen steht heute zunächst ein Jugendforum an, bei dem rund 50 Schüler mitwirken. Am Abend folgt das Atomtage-Kino, in der Schauburg (Marienstraße 16) wird ab 19 Uhr der Film „Grüße aus Fukushima“ gezeigt mit anschließender Diskussion. Morgen stehen die Themen Zwischenlagerung und europäische Atompolitik auf dem Programm, mit dabei sind unter anderen der schleswig-holsteinische Umweltminister Robert Habeck (Grüne) und die Fraktionsvorsitzende der Grünen im EU-Parlament, Rebecca Harms. Am Abend beendet die Lesung „Fessenheim“ mit Autor Jürgen Lodemann die Atomtage. Weitere Infos gibt es auch im Internet unter www.atomtage.de.

Quelle: Badische Neueste Nachrichten | Karlsruhe | POLITIK | 15.07.2016 | Seite 4