Folgenschwere Pumpen-Panne

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Hat ein Störfall am früheren Kernforschungszentrum Karlsruhe (KfK) vor bald 50 Jahren auf dem Gelände des heutigen Campus Nord des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) im Hardtwald zu den erhöhten radioaktiven Strahlungswerten in der Nähe des Hirschgrabens geführt, die Anfang Mai festgestellt wurden? Wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine schriftliche Anfrage der Karlsruher Grünen-Abgeordneten Sylvia Kotting-Uhl hervorgeht, die den BNN exklusiv vorliegt, könnte nach „vorläufiger Einschätzung“ ein „Ereignis am 13. Mai 1972 zu den in diesem Jahr vorgefundenen Radionukliden beigetragen haben“.

An diesem Tag sei „aufgrund eines Pumpendefekts bei der Hauptabteilung Dekontaminationsbetriebe eine Ableitung von Spaltprodukten (Caesium-137, Ruthenium-103, Ruthenium-106 und weitere) in den Hirschgraben mit einer Gesamtkapazität von etwa 925 Mega-Becquerel“ erfolgt, heißt es in dem Schreiben von Umwelt-Staatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter (SPD) an Kotting-Uhl vom 9. Juli.

Auf Anfrage der BNN bestätigte KIT-Sprecherin Monika Landgraf den Vorfall. Die Ableitung von Spaltprodukten in den Hirschgraben infolge eines Pumpendefekts sei am 15. Mai 1972 der „damals zuständigen Aufsichtsbehörde“ gemeldet worden. „Gemäß dem Abschlussbericht gab es zu keinem Zeitpunkt Hinweise, dass die zu dieser Zeit geltenden Grenzwerte überschritten wurden.“

Diese Aussagen von damals stünden im Einklang mit den aktuellen Messungen. Dieses „Ereignis“ findet sich auch in der „Sammlung Umweltschutz“ von Wilhelm Knobloch, die im Generallandesarchiv Karlsruhe aufbewahrt wird. Der Revierförster im Karlsruher Hardtwald hatte jahrzehntelang akribisch über alle ihm bekanntgewordenen Ereignisse und Vorkommnisse im Kernforschungszentrum Buch geführt.

Anfang Mai hatte das baden-württembergische Umweltministerium mitgeteilt, dass am Hirschgraben erhöhte Werte der Radionuklide Caesium-137 und Americium-241 festgestellt worden sind. Ein „aktueller Eintrag von Am-241“ könne ausgeschlossen werden, hieß es damals. Es sei bekannt, dass in der Nähe der Einleitbauwerke grundsätzlich leicht erhöhte Werte der „Dosisleistung“ bestünden, erklärte das Ministerium in Stuttgart damals. Dies sei auf die Auskleidung des Bachbetts und der Böschung mit großen Granitbausteinen zurückzuführen. Granit habe einen leicht erhöhten Gehalt an natürlicher Radioaktivität, so die Erklärung.

Mit dieser Antwort wollte sich Sylvia Kotting-Uhl, Atomexpertin der Grünen und Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, nicht zufriedengeben. Sie vermutete sofort einen Vorfall im ehemaligen Kernforschungszentrum. Der „ungewöhnlich hohe Radioaktivitätsaustritt“ lasse sich nicht lediglich auf die Folgen des Reaktorunglücks von Tschernobyl im April 1987 oder aus Kernwaffenversuchen zurückführen, mutmaßte die Grünen-Parlamentarierin.

Indirekt gab ihr die Bundesregierung nun Recht. Es habe zu keinem Zeitpunkt eine geplante Ableitung von Radionukliden in den Hirschgraben gegeben, zudem würden in den Graben ausschließlich Regen- und Oberflächenwasser des KIT-Campus Nord eingeleitet. „Die Abgabe radioaktiver Stoffe in den Hirschgraben ist daher nach Einschätzung der obersten Landesbehörde auf Ereignisse zurückzuführen, die zu einer unbeabsichtigten Ableitung führten“, heißt es in der Antwort aus dem Umweltministerium. Die Tiefe, in der das Americium-241 im Boden gefunden wurde, „spricht für einen vor vielen Jahren (vermutlich 1960er bis 1980er Jahre) erfolgten Eintrag“.

Für das jahrzehntelange Verschweigen des Vorfalls hat Kotting-Uhl, die mit der Bundestagswahl nach 16 Jahren aus dem Bundestag ausscheidet, kein Verständnis. „Vor 49 Jahren belastete eine unkontrollierte Freisetzung von Radioaktivität aus dem Kernforschungszentrum die Umwelt so stark, dass davon heute noch Spuren bestehen“, sagte sie gegenüber den BNN. „Das zeugt von der Schlampigkeit und Leichtsinnigkeit dieser Institution. Es ist höchste Zeit, dass das KIT für Transparenz sorgt und Verantwortung übernimmt.“

Der Artikel ist zu finden in der BNN vom 14.7.2021

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