Forschung

Nach dem im Sommer 2011 abermals beschlossenen deutschen Atomausstieg, ist die zukünftige Energieversorgung insbesondere durch Maßnahmen zur Effizienzsteigerung und Einsparung sowie durch einen konsequenten Ausbau der erneuerbaren Energien sicherzustellen. Daran und an den vereinbarten Klimazielen gilt es die Energieforschung auszurichten.

Energieforschung : Was ist geplant – was muss sich ändern?

Nach dem im Sommer 2011 abermals beschlossenen deutschen Atomausstieg, ist die zukünftige Energieversorgung insbesondere durch Maßnahmen zur Effizienzsteigerung und Einsparung sowie durch einen konsequenten Ausbau der erneuerbaren Energien sicherzustellen. Daran und an den vereinbarten Klimazielen gilt es die Energieforschung auszurichten.
Nun hat die Bundesregierung das 6. Energieforschungsprogramm “Forschung für eine umweltschonende, zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung” vorgelegt. Bei einer Laufzeit von 5 Jahren (2011 – 2014) und einer Höhe von 3,5 Milliarden Euro wird aber noch immer 1 Milliarde Euro für die Nuklearforschung vorgesehen.
Davon gehen 600 Mio. € in die nationale Kernfusion (in 2012 alleine 158,5 Mio. €), die von Regierungsseite auch nach Fukushima als nukleare Option gesehen wird. Die Bundesregierung schlägt vor, Forschungsgelder für Atomenergie und Kernfusion wie in der Vergangenheit immer weiter aufzustocken. Für die Erneuerbaren werden in 2012 lediglich 245 Mio. € eingestellt, obwohl es heißt, Energieeffizienz und Erneuerbare hätten den absoluten Vorrang. Schon das Missverhältnis zwischen den Ankündigungen der Bundesregierung und den vorgesehenen Mitteln für die Erneuerbaren zeigt, dass die Energieforschung bisher insgesamt nicht hinreichend an den Erfordernissen der Energiewende ausgerichtet ist. Die grüne Bundestagsfraktion fordert entsprechend, die Mittel für Erneuerbare, Effizienz und Speicherforschung auf 500 Mio. Euro pro Jahr zu verdoppeln.
Die europäische Dimension
Die Rahmensetzung der Energie- und Klimapolitik erfolgt schon heute auf EU-Ebene. Deutschland ist über dies stark in den europäischen Energiebinnenmarkt integriert. Europa aber hat noch immer viel für die Atomenergie übrig, wenig dagegen für erneuerbare Energien. Der Haushaltsplan der EU sieht für 2011 Forschungsausgaben im Bereich Energie von 2,9 Milliarden Euro vor. Davon gehen 14 % in die Erforschung der Kernfusion, 12 % in die Kernspaltung, ebenfalls 12 % sind verschiedene Titel (z.B. CCS und Nachwuchs­förderung im Nuklearbereich). Konventionelle und erneuerbare Energien kommen nur auf 4% der Forschungsmittel.
Sollte bei der Erforschung der Fusionsenergie am Bau des Kernfusionsreaktors ITER festgehalten werden, verschieben sich die Anteile weiter zu Lasten anderer Forschungs­bereiche. Alleine für die Jahre 2012 und 2013 fehlen noch 1,3 Milliarden Euro der EU-Finanzierung. Es werden mindestens 16 Milliarden Euro in den Forschungsreaktor verbaut sein, wenn 2027 der Iter endlich mit Deuterium und Tritium beladen werden soll. So sah es zumindest der Zeitplan vor der Zerstörung des japanischen Forschungszentrums in Naka vor. Der japanische Beitrag, das sind wichtige Komponenten für die Plasmaheizung und Magnetspulen, soll nun in Südkorea entwickelt, getestet und von dort geliefert werden. Daraus resultierende Zeitverzögerungen werden wahrscheinlich weitere Kostensteigerungen zur Folge haben.
Ob und wie die europäische Union ihren Beitrag von 45,5 % der Gesamtkosten aufbringt, soll bis 18. November zwischen EU-Parlament, Rat und Kommission ausverhandelt werden. Höchste Zeit, das Projekt noch einmal grundsätzlich zu überdenken, zumal die Kernfusion mit ihrer zentralen Struktur und Betriebsgrößen jenseits von 1000 Megawatt Leistung – so sie denn überhaupt funktioniert – für Europa jedenfalls keinen Sinn macht.
Was muss sich verändern?
Die Energiewende muss auch im Haushalt erkennbar sein. Die politischen Ziele des Atomausstiegs müssen sich in einer neue Prioritätensetzung in der Energieforschung wiederspiegeln. Es entwickelt sich keine neue Energiestruktur, wenn man die alten Strukturen weiter führt und neue vernachlässigt. Deshalb müssen wir die Debatte führen, wie die neue Ausrichtung erfolgen kann. Es gilt zu klären, mittels welcher Programme, unter wessen Steuerung und durch welche Veränderung der institutionellen Forschungsförderung die Energiewende möglichst schnell umgesetzt werden kann. Angesichts des bestehenden Forschungsförderungs-Dschungels werden wir erörtern, welche Forschung steuerfinanziert werden muss: Wie sollte beispielsweise die Kostenaufteilung zwischen staatlich finanzierter Grundlagenforschung und anwendungs­orientierter Unternehmensforschung abgegrenzt werden?
Eine zeitgemäße Forschungs­förderung sollte sich überdies noch stärker mit den Handlungsmöglichkeiten interdisziplinärer Ansätze und Forschungsstrukturen befassen. Diese könnten mit der entsprechender geisteswissenschaftlicher, sozialwissenschaftlicher und ökologischer Begleitforschung einen entscheidenden Beitrag leisten, um gesellschaftliches Handeln zu fördern und die Akzeptanz für innovative technische Lösungen und notwendige energiepolitische Maßnahmen erhöhen.

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