Gastbeitrag: Artensterben stoppen

Wirtschaft und Umweltschutz sind kein Gegensatz. Wir müssen sie in Einklang bringen. 

In regelmäßigen Abständen spielen sich in Berlin und Brüssel schauspielhafte Szenen ab. Beraterinnen und Berater der Regierungen, Behörden oder Umweltverbände legen eine Studie zum Zustand der Biodiversität vor, deren Ergebnisse alarmieren.

Die Zerstörung von Ökosystemen und das weltweite Artensterben schreiten ungehindert voran, insbesondere in unseren hochindustrialisierten Ländern mit entsprechenden Agrarindustrien, die auf Monokulturen und Glyphosat setzen und so Insekten, Vögeln, Säugetieren und unzähligen Pflanzen ihren Lebensraum rauben.

Von den Studienergebnissen angespornt mahnen Umweltministerinnen und -minister, man müsse endlich die Natur konsequent vor dem übermäßigen Eingriff des Menschen schützen, womöglich wird sogar ein Maßnahmenpaket aufgestellt.

Die Zuständigen aus den Ressorts Wirtschaft und Agrar pflichten zunächst bei – wer positioniert sich schon öffentlich gegen Naturschutz? Jene sehen sich aber sofort als Interessenvertreter von Unternehmen und Landwirtschaft und verstehen Umweltschutz als Gegensatz. Ökologie schön und gut, aber nicht auf Kosten des Wachstums. Substanziell ändert sich mit dieser Logik trotz aller Alarmzeichen nichts.

Aktuell verhallt das Warnen der Europäischen Umweltagentur, die in ihrem Bericht den gravierenden Rückgang der natürlichen Vielfalt in Europa mit einer Fülle an Daten unterlegt. Die aktuelle „Lage der Natur“ des Bundesamts für Naturschutz liest sich keinen Deut besser, ebenso der UN-Bericht zur Lage der biologischen Diversität, der der Welt bescheinigt, keines der vor zehn Jahren aufgestellten 20 Biodiversitätsziele eingehalten zu haben.

Während die Faktenlage zur Dringlichkeit entschiedenen Handelns kaum eindeutiger sein könnte, verhandeln in Brüssel die Landwirtschaftsministerinnen und -minister, die EU-Kommission und das Europaparlament über eine Reform der Agrarsubventionen, die diese Probleme ein weiteres Jahrzehnt zementieren wird. Die Mittel des größten Haushaltspostens der EU fließen ungehemmt in die Taschen profitstrebender Agrarkonzerne, die in kaum nennenswerter Weise Anreize für mehr Umweltschutz und Sozialstandards erhalten.

Gleichzeitig kommt ein Glyphosat-Verbot nicht voran, weder in Brüssel noch in Berlin. Die Privilegien einer Minderheit scheinen wichtiger zu sein als das Aufhalten des fortschreitenden Artensterbens, trotz aller Bekenntnisse und des Rückhalts in der Bevölkerung für eine Agrarwende, für die Pariser Klimaziele und den Green Deal der EU.

Naturschutz oder wirtschaftlicher Wohlstand, Bewahrung unserer Lebensgrundlagen oder Wirtschaftswachstum – mit dieser unterkomplexen Sichtweise werden wir den Herausforderungen nicht gerecht.

Wirtschaft und Umweltschutz taugen nicht als Gegensatz, im Gegenteil: Wir müssen die Wirtschaft mit dem Schutz unserer Natur in Einklang bringen. Zudem muss gesellschaftlich ausgehandelt werden, wie wir dem Problem der fortschreitenden Zerstörung der Ökosysteme und der globalen Erderhitzung Herr werden wollen. Wir stecken mitten in diesem Prozess, aber allzu bequem und langsam dürfen wir die Debatte nicht führen. Dafür ist die Zeit zu knapp.

Große Teile der Bevölkerung stehen für Veränderungen bereit, das lehrt uns mit beeindruckendem Tempo die Corona-Pandemie. Aber das allein reicht nicht. Notwendig sind systemische Veränderungen, nichts Geringeres als eine sozial-ökologische Transformation unseres Wirtschaftens und Lebens. Nicht nur Einzelne, sondern die Mehrheit aus Politik und Wirtschaft müssen zu der Erkenntnis gelangen, dass eine intakte Natur eine Grundvoraussetzung unseres Lebens ist und keine Verhandlungsmasse, kein „nice to have“.

Menschen, Tiere und Pflanzen leben nicht unabhängig voneinander auf der Erde, sondern sind Teil komplexer Netzwerke, in denen fast alles miteinander zusammenhängt. Jede Art, sei sie noch so klein, für uns scheinbar unbedeutend oder lästig, übernimmt eine ganz bestimmte Aufgabe für das Funktionieren des großen Ganzen.

Zwar hat die Natur Sicherungen eingebaut, die dafür sorgen, dass nicht alles zusammenbricht, wenn einzelne Arten verschwinden. Doch je mehr Tiere und Pflanzen aussterben, umso löchriger wird das Sicherungsnetz. Wann es reißt, weiß niemand.

Die Gesellschaft und zuvorderst die Politik muss die Notwendigkeit der Veränderungen verstehen, kommunizieren, den Bürgerinnen und Bürgern erklären. Es wird sich grundlegend wandeln müssen, wie wir Lebensmittel herstellen und konsumieren, wie Wälder bewirtschaftet und Städte gebaut und genutzt werden. Handeln wir jetzt nicht konsequent, wird sich das Leben in Zukunft auf eine Weise wandeln, die wir uns heute gar nicht vorstellen wollen.

Den Gastbeitrag finden Sie in der Frankfurter Rundschau vom 15.12.2020

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