Gastkommentar: Atomkraft ist von gestern

WELT

Verfechter der Atomkraft unterstellen deren Kritikern gern Unsachlichkeit, Ideologie oder mangelndes Wissen. Dabei halten gerade die rosaroten Blicke auf Atomkraft einem Realitätscheck nicht stand. Wer beispielsweise in Atommüll vor allem einen Wertstoff sieht, blendet dessen Gefahren in frappierendem Maße aus. Und bleibt trotz Tschernobyl, Fukushima und Terroranschlägen auf einem Niveau der 1980er-Jahre, als Franz Josef Strauß die geplante Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf als so ungefährlich wie eine Fahrradspeichenfabrik darstellte.

Die Realität beginnt damit, dass ein Teil des hochradioaktiven Atommülls in verglaster Form vorliegt. Seriöse Fachleute sehen dafür nur eine realistische Bestimmung: die Endlagerung. Wer den zweiten hochstrahlenden Teil, abgebrannte Brennstäbe, recyceln will, dem bleibt realistisch betrachtet nur die Wiederaufarbeitung. Alle anderen Konzepte existieren vor allem auf dem Papier, nach Jahrzehnten mit vielen Forschungsgeldern gibt es keinen wirklichen Erfolg – auch nicht in Ländern, deren Regierungen begeistert auf Atomkraft blicken. Hier stellt sich die schlichte Frage, warum den scheinbar wunderbaren Konzepten auf dem gesamten Globus kein Durchbruch gelungen ist.

Wer sich nach neuen Wiederaufarbeitungsanlagen in Deutschland sehnt, muss den Blick nach Sellafield und La Hague richten und die dortige hohe Kontamination der Umgebung dieser Anlagen zur Kenntnis nehmen. Wer die so alte wie falsche Behauptung, die Entsorgung wäre technisch gelöst, aus der Mottenkiste holt, muss beantworten: Warum wird nach über sechs Jahrzehnten auf der ganzen Welt der Berg an hochradioaktivem Atommüll immer größer, warum ist auch heute kein einziges Endlager dafür in Betrieb?

Wer für angeblich sichere künftige Reaktorkonzepte schwärmt, sollte sich die ökonomischen Realitäten und das Versagen der europäischen Atomindustrie bei heutigen Reaktorprojekten vor Augen halten. Warum wird selbst im Atomland Frankreich nur an einem AKW gebaut? Beim Europäischen Druckwasserreaktor (EPR) schießen Kosten und Verzögerungen durch die Decke, gibt es Materialprobleme. Dabei ist der EPR eine relativ simple Weiterentwicklung im Vergleich zu Reaktoren der sogenannten vierten Generation.

Wer eine angeblich mangelnde Unterstützung für Atomforschung beklagt, unterschlägt, dass sie auf EU-Ebene seit Jahren das meiste Geld bekommt. Zuletzt bekam Atomforschung allein rund 5,3 Milliarden Euro, alle anderen Energieforschungsbereiche zusammen 5,9 Milliarden Euro – Speicher, Netze, Effizienz, Einsparung, Erneuerbare usw. Selbst hierzulande gibt der Bund mehr für Forschung zu Kernfusion als zu AKW-Sicherheit und Strahlenschutz aus. Realität ist: Das unsolide Versprechen künftiger Atomtechnologien bekommt mehr Geld als die Erforschung realer Gefahren, wie sie von belgischen Bröckelreaktoren oder Schweizer Uraltmeilern ausgehen.

Auch wer auf Kernfusion hofft, verdrängt unbequeme Wahrheiten. Der Zeitpunkt, zu dem ihre Verfechter Fusionskraftwerke für machbar halten, verschiebt sich seit Jahrzehnten in die Zukunft. Heute ist klar: Kommt die Kernfusion überhaupt, dann kommt sie zu spät. Auf Zweifel an der Realisierung weisen immer mehr kritische Physiker hin, so ein Kernforscher vom Schweizer CERN und Plasmaphysiker aus Princeton in den USA. Fans der Kernfusion dürfen das empfindlich geschrumpfte Erkenntnispotenzial des Fusionsreaktors ITER nicht länger verdrängen. Dessen Projektziele wurden so stark reduziert, dass sein ursprünglicher Daseinszweck – die Machbarkeit von Energiegewinnung aus Fusionskraftwerken zu zeigen – bereits verfehlt ist.

Der Blick ohne rosarote Brille zeigt: In der Realität bleibt Atomkraft von gestern. Klimaschutz und Energieversorgung der Zukunft liegen woanders.

Die Autorin ist MdB der Grünen und Vorsitzende des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit im Deutschen Bundestag.

Den Beitrag finden Sie in der WELT vom 26.11.2019

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