Gorleben: Das Zaubereiministerium und der Trank des Vergessens

Kurzbericht Untersuchungsauschuss

Der Untersuchungsausschuss hörte am 26. Mai 2011 zwei Zeugen: Reinhold Ollig, geladen von CDU/CSU und FDP sowie Prof. Dr. Klaus Otto Naß, geladen von der Opposition.

Die Zeugen

Reinhold Ollig ist studierter Geowissenschaftler und arbeitet momentan alsReferatsleiter für Nachhaltigkeit in Produktion und Dienstleistung im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Zwischen 1978 und 1983 arbeitete er im für Endlagerfragen zuständigen Referat 315 im Bundesministerium für Forschung und Technologie (BMFT).
Prof. Dr. Klaus Otto Naß (Jahrgang 1931) ist Rechts-und Wirtschaftswissenschaftler und war neben mehreren Tätigkeiten in der EU-Kommission und der deutsch-deutschen Grenzkommission auch als Abteilungsleiter in der niedersächsischen Staatskanzlei als enger Vertrauter des damaligen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht und als Staatssekretär im niedersächsischen Wirtschaftsministerium unter Birgit Breuel tätig. Heute ist er noch als Honorarprofessor an der Universität Hannover und arbeitet an Fachpublikationen.

Gesamtbilanz

Seit 1978 war Ollig direkt nach seinem Studienabschluss als Diplom-Geologe im Bundesforschungsministerium angestellt. Seine Tätigkeit dort fällt somit genau in den Zeitraum, in dem auf die Erstellung des Gorleben Zwischenberichtes der Physikalisch Technischen Bundesanstalt (PTB) massiv Einfluss genommen wurde. Dabei betonte Ollig allerdings mehrfach, es habe keine Weisungen oder inhaltlichen Veränderungen und Beschönigungen im Bericht gegeben. Durch die Befragungen konnte dies allerdings deutlich erschüttert und widerlegt werden.
Bemerkenswert war das arrogante und selbstherrliche Auftreten des als Berufsanfänger im BMFT gestarteten Referenten, dem auch im späteren Berufsleben keine höheren Aufgaben zugemutet wurden. Allen damaligen Kritikern des Endlagerstandortes Gorleben, wie den renommierten Professoren Duphorn, Grimmel und Herrmann, warf Ollig wahlweise “Effekthascherei”, “Geltungsdrang” oder “mangelnde Wahrheitsliebe” vor. Zugeben musste Ollig jedoch nach langer Befragung, dass Gorleben 1976 von Albrecht “aus dem Hut gezaubert” wurde. Auch sei ihm keine wissenschaftliche Studie der KEWA bekannt, in der Gorleben auf Platz eins gelandet sei. Damit widerlegte der von der CDU-FDP-Koalition benannte Zeuge die These, es gebe eine fachlich-wissenschaftliche Grundlage für die Standortentscheidung Gorlebens.
Der Zeuge Naß führte zu einiger Verwirrung im Ausschuss: Während er detail- und kenntnisreich über seinen Lebenslauf und von seiner Arbeit bei der deutsch-deutschen Grenzkommission berichten konnte, zeigte sich ein deutlich anderes Bild, wenn es um die Befragung zu Themen des Untersuchungsausschusses ging. Sobald Naß das Wort “Gorleben” hörte, verlor er jegliche Erinnerung an die Geschehnisse. Naß bestätigte jedoch, dass es sich bei wesentlichen handschriftlichen Vermerken aus den Jahren 1976 und 1977, aus denen das “aus dem Hut Zaubern Albrechts” hervor geht, um seine eigenen Vermerke handelte.

Wie häufig muss ich sagen, dass es keine Einflussnahme gab, damit es wahr wird?

Auf die Frage hin, ob denn auf den Zwischenbericht der PTB in irgendeiner Form eingewirkt worden sei, echauffierte sich Ollig förmlich: “Hier ist nichts fachlich geschönt worden!” Man sei verantwortlich an den Bericht herangegangen und habe keinen einzigen fachlichen Befund verändert oder raus gelassen. Die Fakten seien von Anfang bis Ende gleich geblieben und man habe höchstens strukturelle Änderungen vorgenommen. Dass dies keineswegs stimmt, konnte schon in der vorherigen Sitzung eindeutig belegt werden. Bereits dort wurde deutlich, dass sich der letzte Entwurf des Zwischenberichts und die eigentliche Kabinettsvorlage in hohem qualitativem Maß unterscheiden.
Die grüne Obfrau Sylvia Kotting-Uhl konnte in dieser Sitzung erneut den Finger in die offene Wunde legen und hielt dem Zeugen mehrere Auszüge vor, die aus dem Entwurf des Zwischenberichts gestrichen worden waren. Dies geschah nämlich nachdem Olligs Vorgesetzter Dr. Alois Ziegler in Abstimmung mit dem weisungsbefugten Bundesministerium des Innern (BMI) ein Telefax an die PTB geschickt hatte. Dort äußerte er den Änderungswunsch, den “vermutlich hypothetischen Störfall des Wasser- und Laugenzutritt über dem Hauptanhydrit, der an mehreren Stellen die am 11.05.1983 diskutierte Zusammenfassung und Bewertung bestimmt, etwas weiter vom Zentrum der Betrachtung wegzurücken.” Nach dieser Weisung wurden tatsächlich zahlreiche Stellen in dem Bericht nicht nur verändert, sondern schlichtweg herausgestrichen. Olligs Kommentar dazu war, dass dies von der PTB im Alleingang gestrichen worden wäre.

Qualifikation durch Spaziergänge mit Wissenschaftlern

Reinhold Ollig war insgesamt sehr engagiert, wenn es darum ging den Standort Gorleben voranzubringen. Er gilt als einer der Strippenzieher bei der Diskreditierung von Prof. Dr. Klaus Duphorn. Dieser hatte 1983 nach ausgiebigen Untersuchungen eine kritische Quartärgeologische Gesamtinterpretation zu Gorleben erstellt und in diesem Zusammenhang den ausschlaggebenden Satz geprägt: “Umso tiefer wir bohrten, desto schlechter wurden die Ergebnisse”. Ein herber Schlag für die Gorleben-Befürworter. Diese und weitere Aussagen von Duphorn entsprachen bei Weitem nicht den damaligen Wünschen. Daher versuchte man gezielt die Ergebnisse von Prof. Duphorn unter Verschluss zu halten und seine wissenschaftliche Qualifikation zu diskreditieren.
Reinhold Ollig setzte dies auch in der Ausschusssitzung fort und unterstellte Duphorn, sein Bericht sei unseriös und reißerisch gewesen und hätte keiner wissenschaftlichen Publikation standgehalten. Das einzige Ziel Duphorns sei es gewesen, durch gezielte Effekthascherei seine Karriere als Quartägeologe aufzubessern! Ollig war zum damaligen Zeitpunkt ein 28-Jähriger Geologe, der wissenschaftlich nicht tätig war, aber sich zutraute, die geologische Situation im Salzstock Gorleben besser als ein renommierten Professor der Quartärgeologie einschätzen zu können. Als Ollig gefragt wurde, inwiefern er denn damals wie heute die wissenschaftliche Qualifikation besitze, um die Aussagen Duphorns nicht nur anzuzweifeln, sondern regelrecht auseinanderzunehmen, merkte er an, er wäre häufig mit einem weiteren Quartärgeologen spazieren gegangen und habe sich dort viele Fähigkeiten angeeignet. Noch während er das sagte, schien ihm aufzufallen, dass dies bei Weitem keinerlei Qualifikation darstellt und er fügte schnell hinten an, dass er sich natürlich auch mit Experten von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) abgestimmt habe.
In diesem Zusammenhang verwies die grüne Abgeordnete Dorothea Steiner darauf, dass es erstaunlich sei, dass immer genau die Personen, die eine kritische Meinung gegenüber Gorleben äußerten diskreditiert würden. Auch Prof. Dr. Eckhard Grimmel musste sich damals von Ollig einiges über sich und seine Öko-Berichte anhören.

Wie durch Zauberei

Besonders interessant war auch die Aussage von Ollig, dass Ministerpräsident Ernst Albrecht den Standort Gorleben einfach “aus dem Hut gezaubert” habe. Der Versuch der CDU/CSU-Fraktion Ollig die Aussage zu entlocken, Gorleben sein allein auf wissenschaftlicher Basis ausgewählt worden, misslang gründlich. Auch kannte der Zeugen nur die allgemein bekannte Version der KEWA-Studie, die im Auftrag des BMFT nach Standorten für ein nukleares Entsorgungszentrum suchte und schlussendlich drei Standorte am besten bewertete. Dies waren Wahn, Lutterloh und Lichtenhorst und eben nicht Gorleben! Die legendäre spätere KEWA-Studie, die bisher nur wenige gesehen haben wollen und die angeblich belegen soll, dass Gorleben der im Vergleich beste Standort war, kannte der Zeugen jedenfalls nicht.

Mein Name ist Naß, ich bin Professor und weiß von nichts!

Da der Zeuge Naß sich an nichts erinnern konnte, war die Befragung ergebnislos. Die vorliegenden Akten, machen aber sehr deutlich, wie überraschend der Standort Gorleben plötzlich in der Diskussion auftauchte. Obwohl Naß die “rechte Hand” des Ministerpräsidenten und intensiv in die Vorbereitungen aller Gespräche zwischen Land und Bund zu einem potentiellen Standort für das Nukleare Entsorgungszentrum eingebunden war, zeigt er sich in einem Vermerk sehr überrascht, dass Ministerpräsident Albrecht am 11.11.1976 gegenüber dem Bund die Zusage machte, einen niedersächsischen Standort zu benennen.
Auch dem Vermerk geht weiter hervor, dass ihm bis dahin nur die drei vorgeschlagenen Standorte der KEWA-Studie bekannt waren. Auch an dieser Stelle wird deutlich, wie unwahrscheinlich es ist, dass es im Sommer 1976 eine weitere KEWA-Studie gegeben haben soll, die verschiedene Standorte untersuchte und zu dem Ergebnis kam, dass Gorleben der geeignetste Standort sei.
Wenn es diese gegeben hätte, so wäre sie sicherlich dem engsten Mitarbeiter von Ministerpräsidenten Ernst Albrecht in Endlagerfragen bekannt gewesen. Dies war sie aber eindeutig nicht. Die Akten stärken die Vermutung, dass Gorleben allein aus politischen Überlegungen im November 1976 ins Spiel gebracht wurde, ohne das irgendeine fundierte fachliche vergleichende Analyse verschiedener Standorte stattgefunden hatte.

Nächster Sitzungstermin

Die nächste Sitzung des Untersuchungsausschusses findet am 9. Juni 2011 statt, als Zeuge wird Klaus Stuhr gehört. Die Sitzung ist öffentlich, eine Anmeldung ist erforderlich.

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