Gorleben: Raues Klima am “denkbar ungeeignetsten” Standort

Kurzbericht Untersuchungsauschuss

Untersuchungsausschuss befragt Mitarbeiter der Firma Lahmeyer

In seiner 33. Sitzung hörte der Untersuchungsausschuss am 10. Februar 2011 die beiden Geologie-Ingenieure Prof. Dr. Kurt Schetelig, geladen von der schwarz-gelben Koalition und Dr. Thomas Diettrich, geladen von der Opposition. Beide Zeugen verbindet ihre frühere Tätigkeit in dem Unternehmen Lahmeyer Ingenieur GmbH, das in den Jahren 1978 bis 1980 von der Deutschen Gesellschaft für Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen (DWK) beauftragt worden war, den Standort Gorleben im Hinblick auf ein mögliches Nukleares Entsorgungszentrum (NEZ) zu untersuchen.

Während Kurt Schetelig aufgrund seiner Position in der Firma Lahmeyer und seiner kurzen Tätigkeit im “Projekt Gorleben” nur wenig zum Untersuchungsgegenstand des Ausschusses beitragen konnten, bescheinigte Diettrich dem Salzstock Gorleben geologische Untauglichkeit und bekräftigte eine Einflussnahme auf Untersuchungsergebnisse.

Tiefgehende “Baugrunduntersuchungen”

Die zentrale Frage der Ausschusssitzung war, ob die Firma Lahmeyer allein mit Baugrunduntersuchungen für die geplante Großanlage des NEZ beauftragt worden war, oder wie Diettrich bestätigte, auch mit hydrogeologischen Untersuchungen betraut wurde. “Für eine Großindustrieanlage wie das damals geplante NEZ, bedarf es keiner Untersuchungsbohrungen in eine Tiefe von mehr als 200 Metern, da reichen 30 bis 40 Meter aus” erläuterte der Zeuge Dr. Diettrich. Er bewies somit, dass die Firma Lahmeyer 1978 bereits früh damit beauftragt wurde, erste Erkundungskonzepte für das geplante Endlager zu entwerfen. Mit Bohrungen, die in eine Tiefe von bis zu 300 Metern reichten, wurden eindeutig weitergehende Ziele, als eine bloße Baugrunduntersuchung verfolgt.

Die grüne Obfrau im Untersuchungsausschuss, Sylvia Kotting-Uhl, untermauerte diese Aussagen, indem sie dem Ausschuss Akten aus dem Bestand des Niedersächsischen Landesamt für Bodenforschung (NLfB) vorlegte, aus denen klar hervorgeht, dass die hydrogeologischen Untersuchungen schon für den Zeitraum vor den Baugrunduntersuchungen geplant waren.

Was nicht passt, wird passend gemacht

Weiteres Ergebnis der vergangenen Sitzung ist die subtile Einflussnahme auf die Untersuchungsergebnisse der Firma Lahmeyer. Ergebnisse, die eine konkrete Planungssicherheit des Endlagers in Frage stellten, wurden unterdrückt oder entschärft, vor allem durch die DWK. So musste Dr. Diettrich feststellen, dass seine genauen numerischen Angaben in den Endberichten zu unpräzisen Umschreibungen wiedergegeben worden, wodurch exakte Aussagen unmöglich wurden und zu einer eindeutigen Beschönigung der getroffenen Aussagen kam.

Raues Klima am Standort

Prof. Dr. Schetelig bestätigte, dass “ein ziemlich raues Klima” am Erkundungsstandort herrschte, was die Qualität der Untersuchungsergebnisse seitens Diettrich jedoch nicht negativ tangierte. Weniger beschönigend berichtete Diettrich selbst. In seiner Funktion als Projektleiter der Firma Lahmeyer, war Diettrich häufig am Standort Gorleben zugegen und berichtete dem Ausschuss über repressive Maßnahmen vor Ort. “Der Sicherheitsdienst in Gorleben ließ keinen Raum für offene Gespräche unter Kollegen und setzte auf bewusste Einschüchterung der Mitwirkenden in Gorleben”.

Standort Gorleben: der “denkbar ungeeignetste”

Beide Zeugen bestätigten unabhängig voneinander, dass Salz als Wirtsgestein auch negative Eigenschaften besitzt. Prof. Dr. Schetelig referierte über die positiven geologischen Eigenschaften von Ton wie die “selbstheilende Eigenschaften” und hohe Dichtigkeit.
Von allen Standorten, die er im Laufe von 30 Berufsjahren weltweit besucht habe, sei Gorleben der wohl “denkbar ungeeignetste”, resümierte Diettrich. So veranschaulichte er den Mitgliedern des Ausschusses die Beschaffenheit des Deckgebirges mit einem Vergleich von Verdecken bei Cabrio-Fahrzeugen. Dabei gleiche das Deckgebirge des Salzstocks in Gorleben aufgrund seiner Klüfte, Rinnen und Quelltone dem verschlissenem Verdeck eines schrottreifen runtergekommenen VW-Käfers. Grund hierfür sei die Lage des Salzstocks und seines Deckgebirges, das durch die Nähe zur Elbe und seine geologischen Geschichte mit verschiedenen Eiszeiten vielfältig in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Strategie der Koalition ging nicht auf

Prof. Dr. Schetelig wurde von der schwarz-gelben Koalition geladen, um die Sachkunde und Glaubwürdigkeit des Zeugen Diettrich zu diskreditieren. Dies ist allerdings grandios gescheitert. Schetelig, damaliger Vorgesetzter Diettrichs, war vor allem zuständig für die Auftragsakquise bei Lahmeyer und war nur selten vor Ort in Gorleben. Vielmehr bestätigte Schetelig, dass Diettrich seinerzeit einer der renommiertesten Wissenschaftler auf dem Gebiet nuklearer Endlagerfragen war. Die Firma Lahmeyer habe bewusst Diettrich angeworben, um seine Expertise und Kompetenz in Fragen der Endlageruntersuchung gewinnbringend für das Unternehmen zu nutzen.

Nächste Sitzung

Die nächste Sitzung des Untersuchungsausschusses ist am 24. Februar 2011. Als Zeugen werden Kurt-Dieter Grill, ehemaliger Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Lüchow-Dannenberg–Lüneburg und Mitglied der Gorleben-Kommission und Dr. Arnulf Matting, früherer Mitarbeiter des Bundeministeriums des Innern gehört. Beide Zeugen wurde von der Koalition benannt, die mit ihrer Verfahrensmehrheit gegen die Opposition entschied, von dem üblichen Verfahren in einer Sitzung jeweils einen Zeugen der Opposition und der Koalition zu hören abzuweichen.

Der Ausschuss tagt öffentlich, interessierte Zuschauer müssen sich zuvor im Ausschusssekretariat anmelden: T. +49 (0)30 227 39400, F. +49 (0)30 227 36832, E-Mail 1.untersuchungsausschuss@bundestag.de

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