Gorleben: Salzstock ein geologisches Pulverfass

Kurzbericht Untersuchungsausschuss Gorleben

Gorleben Kritiker abgeschoben

Schon zwei Wochen vor der Sitzung des Gorleben-Untersuchungsausschusses hat die Ausschussvorsitzende Maria Flachsbarth den Termin abgesagt – allerdings ohne die Opposition darüber zu informieren. Die Folge: Am 11. November mussten gleich drei Zeugen vernommen werden. Viel Zeit ließen sich CDU/CSU und FDP mit der Vernehmung des ersten Zeugen, Prof. Michael Langer, den sie selbst benannt hatten. Substanzielles aber ergab diese langwierige Befragung nicht. Prof. Langer, in den 80er Jahren Unterabteilungsleiter in der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) war an den entscheidenden Besprechungen nicht beteiligt und konnte daher wenig zur Aufklärung der Untersuchungsfragen beitragen.

Zeuge Nickel bei CDU unerwünscht

Bei der langen Befragung von Langer versuchte die Koalition vergeblich den folgenden Zeugen Heinz Nickel zu diskreditieren und dessen Befragung so weit wie möglich nach hinten zu verschieben. Dies konnte aber durch die Opposition verhindert werden.
Dr. Nickel war in den 70er und 80er Jahren im Salzbergbau tätig gewesen und hat eine heute international sehr anerkannte Methode zur Untersuchung von Einschlüssen im Salz mittels Radiowellen entwickelt. Anfang der 80er Jahre war er Mitarbeiter bei der BGR und mit seinem umfangreichen, physikalischen Wissen als auch Erfahrungen mit Salzstöcken hatte er eine besondere Qualifikation. Er war 1980 für ein Jahr ans Bundeswirtschaftsministerium abgeordnet und stellte einen erschreckenden Informationsmangel in Bezug auf Salzstöcke und Gorleben auf allen Ebenen fest.

Kritische Befunde zum Salzstock unterdrückt

Im Jahre 1983 war Heinz Nickel maßgeblich an geologischen Vorerkundungen in Gorleben beteiligt. Seine Messergebnisse deuteten darauf hin, dass sich der Salzstock Gorleben in seinen geologischen Eigenschaften von anderen Salzstöcken stark unterscheidet. Nickel bezeichnet seine Eigenschaften als “zechsteinuntypisch”. Nach der Bearbeitung seiner Berichte durch verschiedene Vorgesetzte wurde aus dem Begriff “zechsteinuntypisch” jedoch “zechsteintypisch”. Alles ohne den Verfasser zu fragen. Nickel verließ daraufhin die BGR und arbeitete in der Folge unter anderem bei der Endlagersuche in der Schweiz mit, wo man seine Forschungsergebnisse deutlich ernster nahm als in Deutschland, sowie später im südafrikanischen Bergbau. 1991 arbeitete Nickel die Untersuchungsergebnisse seiner Messungen von 1983 auf, indem er Bohrkerne aus dieser Zeit erneut analysierte. Er kam zu den selben Schlussfolgerungen, die er in dem geologischen Jahrbuch der BGR von 1991 veröffentlichte. Hier wurden ihm ein weiteres Mal, ohne sein Wissen, kritische Passagen gestrichen.

Versuch, Zeugen mit billigen Methoden zu diskreditieren, scheitert

Die CDU versuchte die Glaubwürdigkeit des Zeugen und die Bedeutung seiner wissenschaftlichen Arbeiten anzuzweifeln, da ihnen die Aussagen wenig passten. Die mehrfache Unterstellung des Abgeordneten Grindel, Herr Nickel habe seine Aussage mit der Opposition abgesprochen, grenzte an Verleumdung. Auch die Versuche des Zeugen Langer, die von Grindel gerne aufgegriffen wurden, um Nickels Forschungsarbeiten als “fachlich unbedeutend und irrelevant” abzustempeln, waren durchschaubar und unverschämt.

Volumen des Salzstock geringer als angenommen

Nickel machte ebenfalls deutlich, dass das Einlagerungsvolumen im Salzstock Gorleben viel geringer als angenommen ist. Wenn man die Sicherheitsanforderungen ernst nimmt und an der Einlagerung in Castoren festhält, würde der Salzstock allein niemals für den kompletten anfallenden Müll reichen. Nickel benannte auch die bekannten geologischen Probleme: Laugeneinschlüsse, Kohlenwasserstoffvorkommen, Einschränkungen im Deckgebirge, mangelnder Sicherheitsabstand zum Hauptanhydrit sowie den Gipshut des Salzstockes. Kritisch betrachtete er den Begriff der sogenannten “Eignungshöffigkeit”. Dieser Begriff ist aus seiner Sicht nicht definiert und wahrscheinlich nur schwer definierbar. Diese Kritik übte später am Abend auch der dritte Zeuge, Detlev Appel.

Gorleben Auswahl methodisch unhaltbar

Appel ist freiberuflicher Geologe aus Hannover. Er hat verschiedene Gutachten, u.a. auch für Ministerien und nachgeordnete Behörden zum Thema Gorleben erstellt, an zahlreichen Fachanhörungen teilgenommen, das Entsorgungskonzept in der Schweiz mitentwickelt und ist Mitglied der Reaktorsicherheitskommission des Bundesumweltministeriums. Appel konzentrierte sich in seiner Kritik maßgeblich auf die methodischen Mängel des Verfahrens. Auch wenn die Vorsitzende Appels Äußerungen als irrelevant für den Untersuchungsgegenstand bezeichnete, gab Appel zahlreiche Hinweise darauf, dass das Verfahren zur Gorleben Auswahl alles andere als fachlich fundiert war. Wie der Geologe darlegte, war die Auswahl extrem intransparent und sämtliche methodische Grundanforderungen an ein geordnetes Verfahren wurden missachtet. Nicht die Sicherheitserfordernisse standen bei der Erstauswahl Gorlebens im Vordergrund, sondern andere Kriterien wie Lage und sozio-ökonomische Struktur des Standortes. Vorliegende ungünstige geowissenschaftliche Informationen wurde nicht berücksichtigt und weitere Untersuchungen fanden nicht statt. Die “Eignungshöffigkeit” des Standortes wurde ohne Definition des Begriffes selber und ohne genauere Erkundung festgestellt.

Vergleichende Endlagersuche unabdingbar

Appel und Nickel machten beide deutlich, dass es ein absolut sicheres Endlager nie geben wird. Es kann also nur um die Suche nach einem Standort gehen, der vergleichsweise geringe Sicherheitsrisiken aufweist. Um vor diesem Hintergrund zu einem brauchbaren Ergebnis zu kommen, ist es unabdingbar, eine vergleichende Endlagersuche durchzuführen. Während andere Länder dies längst verstanden haben und vergleichende Suchverfahren durchführen, hoffen wir in Deutschland noch immer vergeblich auf diese Einsicht.
Heinz Nickel erklärte abschließend, er sei froh, dass “Mutter Natur” dafür sorgt, dass er den Tag nicht erleben muss, an dem ein Bundesumweltminister wider besseren Wissens erklären wird, dass Gorleben als Endlager geeignet ist. Er sei froh, dass er sowohl damals als auch am heutigen Tag alles dafür getan habe, um keine Verantwortung für eine solche Entscheidung tragen zu müssen. Wie auch Nickel werden auch wir unsere Verantwortung wahrnehmen und alles tun, um ein atomares Endlager in Gorleben zu verhindern. Alles andere könnte kann man gegenüber zukünftigen Generationen nicht verantworten.

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