Kotting-Uhl, MdB, Bundestag, Bündnis 90/Die Grünen, Karlsruhe

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Grenznahes AKW Cattenom: Überalterungsbetrieb ist unverantwortliches Risiko

Bericht über den Besuch des EDF-AKW Cattenom

Ein altes AKW bleibt ein altes AKW. Dieses ernüchternde Fazit mussten wir nach unserer Besichtigung des grenznahen Atomkraftwerks Cattenom ziehen. Das AKW ist insbesondere durch äußere Einwirkungen verletzlich. Zum Schutz der Bevölkerung, hierzulande vor allem im Saarland und in Rheinland-Pfalz, muss das Kanzleramt sich in Paris um eine möglichst rasche Stilllegung bemühen. Der vom Betreiber beabsichtigte Überalterungsbetrieb weit über 40 Jahre hinaus ist ein unverantwortliches Risiko.

Am 21. Februar 2017 besichtigten Sylvia Kotting-Uhl und Markus Tressel zusammen mit den beiden Nuklearexperten Dieter Majer und Manfred Mertins das Atomkraftwerk Cattenom. Nach einem längerem Gespräch über die technischen Merkmale der Anlage, Nachrüstungen aufgrund des Super-GAUs von Fukushima und aus unserer Sicht weiter bestehende Defizite gab es eine Führung durch den ältesten der vier Cattenom-Reaktoren, der seit über vierzig Jahren in Betrieb ist.

Die Erkenntnisse waren trotz aller Freundlichkeit des Betreibers ernüchternd. Insbesondere zeigte sich, dass die Sicherheitseinrichtungen, die für die Beherrschung von Störfällen erforderlich sind, nach wie vor erhebliche Defizite aufweisen. Und das wird auch so bleiben. Die seit Fukushima von der französischen Atomaufsicht und vom Betreiber vorgesehenen Maßnahmen dienen lediglich dazu, Auswirkungen bei eingetreten Störfällen zu reduzieren. Sie sind aber nicht geeignet, Störfälle zu beherrschen. Beispielsweise ändert sich nichts daran, dass die Anlage nur gegen den Absturz eines Kleinflugzeugs ausgelegt ist. Das Gebäude, in dem sich das Brennelemente-Lagerbecken befindet, weist gar nur ein Blechdach auf. Dabei befindet sich das AKW in der Nähe unter anderem des Flughafens Luxemburg, auf dem große Passagier- und Frachtjets verkehren.

Einige Fragen konnte der Cattenom-Betreiber nicht beantworten, obwohl wir ihm im Vorfeld die konkreten Themen genannt hatten, über die wir diskutieren wollten. Beispielsweise konnte für manche Einrichtungen des AKW nicht angegeben werden, ob sie zum System der Störfallbeherrschung oder zum Notfallsystem gehören. Auch konnte der Betreiber nicht angeben, ob das AKW dem internationalen Maßstab an den Hochwasserschutz genügt. Standard ist heute, dass ein AKW dem stärksten Hochwasser standhalten muss, das nach heutigen Erkenntnissen an dem Standort in einem Zeitraum von 10.000 Jahren auftreten kann. Cattenom wurde jedoch nur gegen ein 1000jähriges Hochwasser ausgelegt, auf das man nach Fukushima 20% als neue Maßgabe aufschlug. Welche Unterschiede und potenziellen Defizite dieses Vorgehen zum internationalen Standard bedeuten, konnte der Betreiber nicht sagen. Sein Rollenverständnis verstörte uns: Damit, welche Konzepte und Maßnahmen nach heute gültigen Anforderungen notwendig sind, befasse er sich nicht, das sei allein Aufgabe der Atomaufsicht und der Ingenieursabteilung der Konzernzentrale von EdF. Diese Verantwortungsaufteilung mag im „Normal-Betrieb“ für den Betreiber intern passend scheinen, sie reduziert jedoch das Risikobewusstsein und damit die Unfallvorbeugung.

Das ernüchternde Fazit: Das Sicherheitskonzept Cattenoms stammt aus den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Nachrüstungen mit dem Ziel der Erreichung heute gültiger Sicherheitsanforderungen sind praktisch nicht möglich. Der vom Betreiber beabsichtigte Überalterungsbetrieb weit über 40 Jahre hinaus ist ein unverantwortliches Risiko. Zum Schutz der Bevölkerung, hierzulande vor allem im Saarland und in Rheinland-Pfalz, muss das Kanzleramt sich in Paris um eine möglichst rasche Stilllegung bemühen. Dass sich ausgerechnet der aus dem Saarland stammende Kanzleramts-Chef Altmaier nicht für die Stilllegung des grenznahen Atomkraftwerks engagiert, ist weder nachvollziehbar noch akzeptabel. Generell muss die Bundesregierung sich auf EU-Ebene endlich dafür einsetzen, dass Sicherheitsfragen grenznaher Atomkraftwerke auch grenzüberschreitend behandelt werden. Das ist sie dem Schutz ihrer Bevölkerung schuldig.

AKW Cattenom

V.l.n.r.: Dieter Majer (Atomexperte und Stresstestbeobachter), Sylvia Kotting-Uhl MdB, Professor Dr. Manfred Mertins (Atomsicherheitsexperte), Markus Tressel MdB

Links:
https://www.gruene-bundestag.de/termin/grenzwertiges-risiko-oder-wie-kommen-wir-zu-einem-europa-ohne-schrottreaktoren.html

https://www.gruene-bundestag.de/themen/atomausstieg/akw-cattenom-sofort-stilllegen-26-02-2016.html