Hollandes strahlende Erbschaft

Badische Neueste Nachrichten

AKW Fessenheim wird vorerst nicht abgeschaltet / Kotting-Uhl spricht von „Affront“

Fessenheim/Karlsruhe. Fünf Jahre lang hatte François Hollande Zeit, sein Wahlversprechen Nummer 41 einzulösen: die Schließung des Atomkraftwerkes Fessenheim. Doch der französische Präsident wird Anfang Mai aus dem Amt scheiden, ohne dass er die Abschaltung des ältesten französischen Meilers in die Wege geleitet hat.

Der Verwaltungsrat des Betreibers EDF vertagte gestern das Votum darüber, wie die Gewerkschaft CGT mitteilte. Damit bleibt das Schicksal der pannenanfälligen Anlage in der Schwebe, denn in gut zwei Wochen wird in Frankreich ein neuer Präsident gewählt – und der könnte sich für den Weiterbetrieb entscheiden. „Sieg für die Angestellten“, erklärte die CGT, die vor der EDF-Zentrale in Paris gegen die Schließung protestiert hatte. Die Gewerkschaften, die für die mehr als 850 Beschäftigten sprechen, hatten gefordert, das Votum erst nach der Wahl zu fällen. Damit war die Hoffnung verbunden, dass Fessenheim doch am Netz bleibt, denn zwei der Kandidaten sind gegen das Aus: der Konservative François Fillon und Front-National-Chefin Marine Le Pen.

„Dass der Verwaltungsrat die Stilllegung nicht beschlossen hat, ist ein Affront“, erklärte Sylvia Kotting-Uhl gegenüber den BNN. „Offensichtlich ist die französische Atomlobby mächtiger als die Regierung selbst.“ Gleichzeitig forderte die atompolitische Sprecherin der Grünen aus Karlsruhe die Bundesregierung zum Handeln auf. Diese müsse erreichen, dass die Abschaltung Fessenheims noch vor der französischen Präsidentenwahl beschlossen werde.

Die Nachbarländer fordern ebenso wie Umweltorganisationen seit Jahren die Schließung von Fessenheim. Das AKWliegt nur rund 30 Kilometer von Freiburg entfernt am Oberrhein-Graben und damit in einem Erdbeben-gefährdeten Gebiet. Ein Reaktor ist schon seit mehr als einem halben Jahr abgeschaltet und der zweite musste am Wochenende auch heruntergefahren werden, weil Wasser austrat. Laut dem 2015 verabschiedeten Energiewende-Gesetz soll der Anteil der Atomkraft in Frankreich bis 2025 von 75 auf 50 Prozent heruntergefahren werden. Dazu müssten allerdings laut Berechnungen des Rechnungshofes 17 der 58 Reaktoren geschlossen werden, was derzeit kaum vorstellbar ist. Das Gesetz sieht auch eine Obergrenze bei der Stromproduktion aus Atomkraft von 63,2 Gigawatt vor. Deshalb sollte Fessenheim erst vom Netz gehen, wenn der Druckwasserreaktor EPR in Flamanville am Ärmelkanal anläuft. Das kann aber noch Jahre dauern.

Quelle: Badische Neueste Nachrichten | Karlsruhe | POLITIK | 07.04.2017 (Christine Longin)

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