Im Reich der gelben Atommüll-Fässer

Badische Neueste Nachrichten

Kein baldiger Abschied von Altlast der Kernkraft
Nie endende Prüfung auf mögliche Alterungsschäden
 

Von unserem Redaktionsmitglied Alexei Makartsev

Halle im Kerntechnische Entsorgung Karlsruhe (KTE) in Eggenstein-Leopoldshafen

Kerntechnische Entsorgung Karlsruhe (KTE) in Eggenstein-Leopoldshafen
Foto: KTE

Karlsruhe. Der rote Greifer des kleinen Krans taucht in einen gelben Container hinein, verharrt dort einen Moment lang, zieht ein gelbes Fass heraus und lässt es etwa einen Meter über dem Boden schweben. Ein Arbeiter mit Atemschutzmaske und in gel ber Schutzkleidung, der das Geschehen aus sicherer Distanz beobachtet hat, wischt mit einer geübten Bewegung an den unteren Fassrändern entlang und macht ein Handzeichen seinem Kollegen, der das Fass vorsichtig auf den mit Folie ausgelegten Metallboden absetzt. Entwarnung: Der Behälter mit den strahlenden Abfällen ist augenscheinlich nicht kontaminiert und kann zur weiteren Lagerung in den Container zurückgelegt werden.

Dutzende, gar Hunderte Mal täglich wiederholt sich diese Prozedur in der luftdichten Prüfkammer – dem sogenannten Kontrollcaisson – der Kerntechnischen Entsorgung Karlsruhe (KTE) in Eggenstein-Leopoldshafen. Es ist ein Prozess, der an die berühmte griechische Sisyphos-Sage von dem ewigen Steinroller erinnert. Fass für Fass, Container für Container, Lagerhalle für Lagerhalle werden alle der derzeit rund 78 000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktiven Abfallgebinde auf dem Gelände des KIT Campus Nord auf Alterungsschäden wie Korrosion überprüft. Etwa zehn Jahre dauert es, eine Halle komplett zu checken. Und wenn die Männer in den gelben Schutzanzügen mit dem letzten Fass durch sind, dann müssen sie alles wieder von vorne beginnen.

Für die Teilnehmer der „4. Karlsruher Atomtage“ bekommt der abstrakte Begriff „Altlasten“ aus der politischen Debatte um Kosten und Nutzen der Atomenergie am Freitag bei dem Rundgang im Zwischenlager der KTE eine sehr konkrete Bedeutung. Der Atom-Ausstieg im früheren Kernforschungszentrum, zehn Kilometer nördlich des Stadtzentrums gelegen, war bereits Anfang der 1990er Jahre eine vollendete Tatsache. Seitdem werden hier mit einem enormen finanziellen und technischen Aufwand die stillgelegten Forschungsanlagen dekontaminiert, abgebaut, zerschnitten, in runde Schrottklumpen gepresst und in den gelben Fässern mit dem Strahlenwarnzeichen verschlossen.
Mehrfach sind in dem mengenmäßig größten Atom-Zwischenlager Deutschlands bereits die Kapazitäten vergrößert worden, denn solange es kein Endlager gibt, sind auch keine Abtransporte des hochgefährlichen Mülls aus der KTE möglich. Seit einigen Jahren sind aber die verfügbaren Lagerräume nun wieder fast komplett gefüllt. Für das Unternehmen im Staatsbesitz bedeutet das: weiter bauen.

Voraussichtlich ab Ende 2019 wird ein neues Gebäude auf dem Campusgelände zusätzlich 1 400 Kubikmeter mittelradioaktive Abfälle aufnehmen können. In den riesigen, leeren Hallen des künftigen Lagers sind die gelben Kranschienen bereits montiert, noch fehlt aber das Bleiglas in den dicken Innenfenstern. Beim Betreten des Klotzes aus mehr als 12 000 Kubikmeter Beton fallen vor allem seine zwei Meter starken Außenmauern auf. „Wir sind damit vor Erdbeben gut geschützt. Das Gebäude kann wackeln, ohne dass viel passiert“, sagt der technische Geschäftsführer Manfred Urban. Das gelte auch für „andere mechanische Einflüsse von außen“, erklärt er, wenn man ihn auf das Thema Terrorismus und Sicherheit anspricht.

Das zweite Bauprojekt der KTE mit ihren 620 Mitarbeitern ist derzeit eine neue Logistik- und Bereitstellungshalle, die Ende 2020 den Betrieb aufnehmen soll. Wann jedoch hier der Abtransport des schwachradioaktiven Mülls in das umgebaute Endlager Schacht Konrad bei Salzgitter starten wird, steht in den Sternen. Frühestens 2027, heißt es im Unternehmen – oder auch später. Dann dauert es noch etwa 40 Jahre, bis auch das letzte Stück strahlender Schrott, sicher abgepackt, den KIT Campus Nord verlassen hat. Bei der KTE redet man deswegen mit Augenzwinkern von sicheren Arbeitsplätzen, die bis Mitte der 2060er Jahre bestehen werden.

Geschäftsführer Urban schüttelt mit dem Kopf, wenn er von der früheren Vision seiner Eltern von einer vermeintlich billigen, sicheren und umweltfreundlichen Energiequelle spricht. „Unsere Kinder werden vielleicht sagen: ,Was habt ihr euch eigentlich mit der Atomenergie gedacht?’ Es nützt aber nichts, uns bleibt nichts anderes, als alles hier zurückzubauen und die Arbeiten zügig, aber sicher zu Ende zu bringen.“
Die Organisatorin der „Karlsruher Atomtage“, Sylvia Kotting-Uhl (Grüne), sieht nach der zweistündigen Gruppenführung durch das Reich der gelben Giftfässer ihr Aufklärungsziel erreicht. „Viele Menschen haben den Atomausstieg, der jetzt nicht mehr so fern ist, gedanklich abgehakt“, sagt die Karlsruher Bundestagsabgeordnete. „Aber man muss nur zur KTE kommen, um zu sehen, welch große Menge an Arbeit und Gefährdung an Radioaktivität auf uns noch zukommt“.

Atomtage

Die „Karlsruher Atomtage“ gehen an diesem Samstag mit Vorträgen und Diskussionen zu den Themen Urangeschäfte und „Macht der Atomkraft“ zu Ende.

Badische Neueste Nachrichten | Karlsruhe | POLITIK | 22.09.2018 | Seite 4

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