Klimaschutz mit Atomkraft ist von gestern

Beitrag für Südwestgrün Nr. 03 / 19. WP  Dezember 2019

Immer unverblümter melden sich in Deutschland Stimmen zu Wort, die den Atomausstieg angreifen. Vor allem aus der CDU: die Junge Union, die sogenannte Werteunion, aber auch im Wirtschaftsflügel und im Wirtschaftsministerium werden wieder Formulierungen genutzt, die zwar noch nicht direkt den Ausstieg vom Ausstieg fordern, aber doch an 2010 erinnern, als schon einmal die Atomkraft als „Brückentechnologie“ für die Energiewende hoffähig gemacht werden sollte. Wir erinnern uns: der GAU von Fukushima ließ den Traum der Laufzeitverlängerung nach kurzer Zeit platzen.

Auch die SPD schiebt die Verantwortung für das Verfehlen der Klimaschutzziele in unserem Land nicht verfehlter Politik im Wirtschafts-, Verkehrs-, Agrar- und Umweltministerium zu, sondern gerne der angeblich kaum leistbaren Gleichzeitigkeit von Atom- und Kohleausstieg.
Die FDP schließlich scheint gedanklich (nicht nur) in dieser Frage schon gefährlich nahe bei der AfD zu sein.

Weltweit wittert die Atomlobby Morgenluft angesichts der weiter steigenden CO2-Emissionen und empfiehlt sich für den Klimaschutz. Sicher seien die Reaktoren der 4. Generation (waren die Generationen davor aber auch immer!) und das Problem Atommüll würden sie auch lösen. Sowieso seien abgebrannte Brennstäbe kein Müll, sondern Wertstoff, den tiefengeologisch endzulagern Ressourcenverschwendung sei.

Die beiden großen Gesetze zur Bewältigung der Atomkraft, die beide uns Grünen zu verdanken sind – Atomausstieg und Endlagersuchgesetz – werden als nicht sachgerecht oder gar ideologisch diffamiert. Lauthals ist damit der Lobbyverein Nuklearia unterwegs, andere machen das – bisher – etwas vorsichtiger.

Dabei halten rosarote Blicke auf Atomkraft einem Realitäts-Check nicht stand.
Wer beispielsweise in Atommüll vor allem einen Wertstoff sieht, blendet dessen Gefahren schlicht aus. Und bleibt auf einem Niveau der 1980er Jahre, als Franz Josef Strauß die geplante Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf als so ungefährlich wie eine Fahrradspeichen-Fabrik bezeichnete.

Die Realität beginnt damit, dass ein Teil des hochradioaktiven Atommülls in verglaster Form vorliegt. Seriöse Fachleute sehen dafür nur eine realistische Bestimmung: die Endlagerung. Wer den zweiten hoch strahlenden Teil, abgebrannte Brennstäbe, recyceln will, dem bleibt realistisch betrachtet nur die Wiederaufarbeitung. Alle anderen Konzepte existieren vor allem auf dem Papier, nach Jahrzehnten Forschungsgeldern gibt es keinen Erfolg – auch nicht in Ländern, deren Regierungen begeistert auf die Atomkraft blicken. Hier stellt sich die Frage, warum den so wunderbaren Konzepten auf dem gesamten Globus noch kein Durchbruch gelang.

Wer sich nach neuen Wiederaufarbeitungsanlagen als ersten Schritt zur Wiedernutzung des Atommülls sehnt, muss den Blick nach Sellafield und La Hague richten und die dortige hohe Kontamination der Umgebung dieser Anlagen zur Kenntnis nehmen. 

Wer die so alte wie falsche Behauptung, die Entsorgung wäre technisch gelöst, aus der Mottenkiste holt, muss beantworten: Warum wird nach über sechs Jahrzehnten auf der ganzen Welt der Berg an hochradioaktivem Atommüll immer größer?

Wer für angeblich sichere künftige Reaktorkonzepte schwärmt, sollte sich die ökonomischen Realitäten und das Versagen der europäischen Atomindustrie bei heutigen Reaktorprojekten vor Augen halten. Warum wird selbst im Atomland Frankreich nur an einem AKW gebaut? Beim EPR schießen Kosten und Verzögerungen durch die Decke, gibt es Materialprobleme, die schon eine funktionierende Qualitätssicherung auf 1970er Jahre Niveau hätte verhindern müssen. Und dabei ist der EPR eine relativ simple Weiterentwicklung im Vergleich zu Reaktoren der sogenannten 4. Generation.

Wer eine angebliche mangelnde Unterstützung für Atomforschung beklagt, ignoriert, dass sie auf EU-Ebene seit Jahren das meiste Geld bekommt. Zuletzt bekam Atomforschung zur Stromerzeugung alleine rund 5,3 Mrd Euro, alle anderen Energieforschungsbereiche zusammen 5,9 Mrd – also Erneuerbare, Speicher, Netze, Effizienz, Einsparung, usw. Selbst hierzulande gibt der Bund mehr Geld für Forschung zu Kernfusion als zu AKW-Sicherheit und Strahlenschutz aus. Realität ist: Das unsolide Versprechen künftiger Atomtechnologien bekommt mehr Geld als die Erforschung realer Gefahren, wie sie von belgischen Bröckelreaktoren oder Schweizer Uraltmeilern ausgehen.

Realität ist: Atomforschung ist teuer, Reaktorbau auch. Unter 10 Mrd ist ein AKW, das den europäischen Standards entspricht, nicht zu haben, siehe Flamanville, Olkiluoto, Hinkley Point.

Auch wer auf Kernfusion hofft, verdrängt unbequeme Wahrheiten. Der Zeitpunkt, zu dem ihre Verfechter Fusionskraftwerke für machbar halten, verschiebt sich seit Jahrzehnten in die Zukunft. Heute ist klar: kommt die Kernfusion überhaupt, dann kommt sie  zu spät. Auf Zweifel an der Realisierung weisen immer mehr kritische Physiker hin, so ein Kernforscher vom Schweizer CERN und Plasmaphysiker aus Princeton in den USA. Fans der Kernfusion dürfen das empfindlich geschrumpfte Erkenntnispotenzial des Fusionsreaktors ITER nicht länger verdrängen. Die ITER-Projektziele wurden so stark reduziert, dass sein ursprünglicher Daseinszweck – die Machbarkeit von Energiegewinnung aus Fusionskraftwerken zu zeigen – bereits verfehlt ist.

Der Blick ohne rosarote Brille zeigt: In der Realität bleibt Atomkraft von gestern. Klimaschutz und Energieversorgung der Zukunft liegen woanders.

Aber in Deutschland will ja (bisher) niemand neue Reaktoren bauen… Kann es nicht im Sinne eines schnelleren Kohleausstiegs sein, den letzten Atomkraftwerken in Deutschland eine kleine Laufzeitverlängerung zu gönnen? Nein! Der Konsens für die Endlagersuche wäre dahin, der Weg auch für Neubau geöffnet, jedes Argument gegenüber unseren Nachbarn Frankreich, Belgien, Schweiz, Tschechien, ihre Risikomeiler an unseren Grenzen abzuschalten unglaubwürdig, die Botschaft an die Welt: Atomausstieg im wirtschaftsstarken Land ist eine mission imposible!

Deutschland hat die richtige Konsequenz aus dem nicht beherrschbaren Risiko gezogen. Atomkraft ist gefährlich, teuer und verschiebt ungeheure Lasten in die Zukunft. Es gibt keinen Zwang, sich zwischen Pest und Cholera, zwischen der Last Atommüll oder der Last Klimaschäden für die nachfolgenden Generationen zu entscheiden. Aus dem Dilemma führt der Weg der Energiewende. Für Klimaschutz und nachhaltige Energieversorgung ist allerdings noch einiges zu tun. Das müssen wir konsequent und jetzt anpacken und uns nicht von Lobbyisten irritieren lassen!

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://kotting-uhl.de/site/klimaschutz-mit-atomkraft-ist-von-gestern/