Kotting-Uhl, MdB, Bundestag, Bündnis 90/Die Grünen, Karlsruhe

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Nach der Wahl in Karlsruhe

Badische Neueste Nachrichten

Rekordzahl an Abgeordneten

Fünf Kandidaten schaffen den Sprung nach Berlin / Das letzte Ticket geht an Michel Brandt

Der Wahlsonntag hat eine für Karlsruhe bisher nicht gekannte Zahl an Abgeordneten gebracht. Zum ersten Mal seit 1949 wird die Fächerstadt im Bundestag von fünf Abgeordneten vertreten – übrigens genauso auch wie die benachbarte Südpfalz. Gestern am frühen Morgen ereilte den 27-jährigen Schauspieler Michel Brandt (Fotos: pr) die Nachricht, dass er auf dem Listenplatz 6 der Linken-Landesliste ein Mandat erreicht hat. Mit Brandt kamen in den Bundestag der Wahlkreissieger Ingo Wellenreuther (CDU), Sylvia Kotting-Uhl für die Grünen, Michael Theurer (FDP) und Marc Bernhard (AfD). Bei der AfD erreichte übrigens auch der Karlsruher Marc Jongen ein Mandat, er hatte im Wahlkreis Ludwigsburg kandidiert.

Nicht gereicht hat es für SPD-Kreispartei- und Fraktionschef Parsa Marvi, auch sein zweiter Anlauf nach 2013 blieb vergeblich. Er war auf der SPD-Landesliste auf Platz 18 platziert, doch die Liste zog aufgrund des schlechten Ergebnisses der Sozialdemokraten nur bis Platz 16. Nach der Enttäuschung des Wahlabends will Marvi seinen Frust gar nicht verbergen. „Wir sind doch mit einer ganz anderen Euphorie reingestartet,“ erinnert er sich an den Schulz-Hype. Ein Gutes hat das schlechte Ergebnis: Karlsruhes SPD muss sich keinen neuen Fraktionsvorsitzenden suchen. Und seine Motivation nach der Niederlage? „Die ist ungebrochen, vielleicht noch stärker als zuvor. Ich will mithelfen beim Neustart der SPD.“ Schon am Wahlabend hatte Marvi den Fokus auf die Gerechtigkeitsdebatte im Wahlkampf der SPD als Fehler bezeichnet.

Als den wohl schwierigsten Wahlkampf seiner bisherigen Politikerlaufbahn bleiben die vergangenen Wochen Christdemokrat Ingo Wellenreuther im Gedächtnis. Fünfmal in Folge ist er nun in den Bundestag eingezogen, die vergangenen viermal als Wahlkreissieger. „Ich bin mit meinem persönlichen Ergebnis zufrieden,“ so Wellenreuther gegenüber den BNN. Er verweist auf die deutlich stärkeren Verluste der CDU-Kandidaten in anderen Städten. Als einen Grund für den Einbruch der CDU sieht er im Agieren der Regierung in der Flüchtlingskrise, dies habe ein Teil der CDU-Anhängerschaft nicht gebilligt. Wellenreuther hatte einst als Unterzeichner jenes „Briefs der 44 CDU-Abgeordneten“ hier von der Regierung eine Kurskorrektur verlangt. Er sieht sich nun in seiner damaligen Kritik bestätigt. Wellenreuther reist am heutigen Dienstag nach Berlin, dort formiert sich die neue Unionsfraktion.

An „Dienstjahren“ im Bundestag für Karlsruhe wird Wellenreuther gefolgt von der Abgeordneten Sylvia Kotting-Uhl (Grüne), die seit 2005 dem Bundestag angehört. Sie war gestern in den BNN zitiert worden, die zweite gute Botschaft des Abends (neben dem Ergebnis der Grünen) sei die Aussage der SPD, sich in die Opposition zu begeben. „Das habe ich tatsächlich in Verknüpfung damit, dass die AfD dann nicht Oppositionsführerin wird, gesagt und für diese Entscheidung der SPD hohen Respekt gezollt,“ präzisierte sie gestern.

Andere müssen sich erst mal sortieren: Der frischgebackene Abgeordnete Michel Brandt steht am Montagmorgen bereits auf dem Hauptbahnhof und wartet auf den Zug nach Berlin, der in zur ersten Sitzung der Linke-Fraktion bringen soll, als er mit den BNN telefoniert. In der Wahlnacht kapitulierte sein Handy-Akku angesichts zahlreicher Anrufe. Am frühen Montagmorgen um 4.40 Uhr hatte er die Gewissheit, ein Mandat erreicht zu haben. „Freudig überrascht“ bezeichnet der 27-Jährige seine Gemütslage. „Dass wir in Karlsruhe unsere Stimmen fast verdoppelt haben, ist beachtlich“. Seine Schauspielkarriere am Staatstheater muss er nun vorerst natürlich auf Eis legen. Staatstheater-Intendant Peter Spuhler richtete ihm angesichts der neuen Karriere auf der Bühne Berlin sogleich via Facebook „herzliche Glückwünsche“ aus.

In Berlin aufgeschlagen ist am Montag auch der Karlsruher AfD-Abgeordnete Marc Bernhard. Gestern Abend formierte sich die Landesgruppe der AfD, heute und morgen steht die Gründung der Fraktion samt Wahl der Fraktionsführung an. „Um zehn Uhr gibt es den ersten Termin bei der Bundestagsverwaltung,“ so Bernhard. Die Vorgänge um den paukenschlagartigen Austritt von Frauke Petry aus der Fraktion will er noch nicht bewerten.

„Wir wollen schnellstmöglich arbeitsfähig sein“, sagt der liberale Abgeordnete Michael Theurer gegenüber den BNN. Er weilt schon seit Sonntag in Berlin, Sitzungen und Medientermine folgten im Wechsel. „Eigentlich hatte ich noch gar keine Zeit zum Feiern,“ schmunzelt er. Gestern nahm er bereits an der ersten Fraktionssitzung teil. „Ich bin natürlich stolz auf mein Ergebnis in Karlsruhe,“ freut sich der Landesvorsitzende der FDP.

Quelle: Badische Neueste Nachrichten | Karlsruhe | KARLSRUHE | 26.09.2017 Von unserem Redaktionsmitglied Theo Westermann

 

Zwischen Frust und lautem Jubel

Der Wahlabend bei Karlsruhes Parteien

Als der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier in einem Fernsehinterview nach der Bekanntgabe der ersten Hochrechnungen von einem „Wahlsieg“ seiner CDU sprach, hatte Adrian Klant vor dem Großbildschirm im Badisch Brauhaus für diese Einschätzung nur ein ungläubiges Kopfschütteln übrig. „Das Ergebnis hat meine schlimmsten Befürchtungen bestätigt“; machte der Vorsitzende der Schüler-Union bei der Wahlparty der CDU keinen Hehl aus seiner Enttäuschung. Und auch bei den anderen anwesenden Christdemokraten wollte im Untergeschoss des Brauhauses trotz der Aus- sicht auf weitere vier Jahre Regierungsbeteiligung zunächst einmal keine echte Feierstimmung aufkommen.

„Während der Flüchtlingskrise haben sich viele Leute von der Politik offenbar nicht mehr mitgenommen gefühlt“, sagte Ursula Rossbach. Etwas besser wurde die Stimmung bei den Christdemokraten erst, als das Direktmandat für Ingo Wellenreuther gegen 21 Uhr in trockenen Tüchern war. „Das war heute eine echte Zitterpartie“, sagte Wellenreuthers Büroleiter David Ruf nach dem dreistündigen Kopf-an-Kopf-Rennen mit Parsa Marvi.

Wegen der guten Umfrageergebnisse standen die Sektgläser bei der Wahlparty der FDP bereits vor der Bekanntgabe der ersten Auszählergebnisse gut gefüllt am Eingangsbereich des Infopavillons K. zum Anstoßen bereit. „Alles über fünf Prozent ist für uns heute ein Erfolg“, hatte der Kreisvorsitzende Hendrik Dörr seine liberalen Parteifreunde auf die Wahlparty eingestimmt und als der FDP-Balken bei der ersten Hochrechnung erst bei zehn Prozent stehen blieb, war der Jubel über den Wiedereinzug in den Bundestag entsprechend groß. „Für dieses Wahlergebnis haben wir sehr viel getan“, freute sich FDP-Stadtrat Thomas Hock, „und außerdem haben wir in den vergangenen vier Jahren noch unsere gesamte Partei umgekrempelt“. Und selbst wenn es wegen des starken AfD-Ergebnisses und dem verhältnismäßig schwachen Abschneidens der CDU einige enttäuschte Gesichter gab, nahm Ullrich Eidenmüller die Parteispitze in die Pflicht. „Jamaika ist die einzige Möglichkeit für eine stabile Regierung“, betonte Eidenmüller.

„Gefasst, aber natürlich schwer enttäuscht“ – auf diesen kurzen Nenner brachte Johannes Stober, der ehemalige Landtagsabgeordnete, die Stimmungslage seiner Partei. Bei der SPD-Wahlparty in den „Gelben Seiten“ hielt sich der Ansturm in Grenzen und die Stimmung war gedrückt. Kopfschüttelnd verfolgten die Genossen auf dem großen Bildschirm, wie sich der Wahlabend entwickelte. Meri Uhlig brachte ihre Gefühle auf den Punkt: „Ich bin einfach nur traurig, weil wir die entscheidenden Zukunftsthemen dem Wähler nicht vermitteln konnten.“ Michael Zeh von der Gemeinderatsfraktion wurde da noch deutlicher: „Für die SPD zahlt sich die Regierungsbeteiligung im Bund oder im Land offensichtlich nicht aus.“ Deshalb begrüßte er ausdrücklich den Entschluss, in die Opposition zu gehen: „Ich habe noch keinen von der SPD gehört, der sich für eine Fortsetzung der Großen Koalition ausspricht.“

Ob man sich über das Ergebnis nun freuen sollte oder nicht, war der Wahlparty der Grünen im „Cafe Pan“ nicht so ganz klar. „Ich hatte mir ein zweistelliges Ergebnis gewünscht“, bekannte Eckhard Köbler. Während sei Parteikollege Friedemann Nawroth an den vergangenen Wahlkampf dachte: „Zwischendurch war ich mal ziemlich platt, aber es hat sich gelohnt, dass wir so hart gekämpft haben.“ Die Stimmung besserte sich dann schlagartig, als die Direktkandidatin Sylvia Kotting-Uhl mit anderen Funktionsträgern aus dem Rathaus herübergekommen war. „Ich hatte nach den Umfragen niemals im Ernst daran gedacht, dass mir heute Abend zum Jubeln zumute ist“, erklärte Kotting-Uhl. Ihr Dank galt vor allem den vielen Helfern, die sich engagiert in den Wahlkampf eingebracht haben. Neben dem „superguten“ Ergebnis ihrer Partei, sei die zweite gute Botschaft des Abends die Aussage der SPD, sich in die Opposition zu begeben.

Ein Geheimnis um den Veranstaltungsort der Wahlparty machte hingegen die AfD – aus Sorge vor Angriffen. Ihre Freunde über das Wahlergebnis konnten die rund 100 Parteianhänger nicht mehr zurückhalten, als der künftige Bundestagsabgeordnete Marc Bernhard kurz nach 20 Uhr das Lokal betrat. Bernhard selbst hat nicht mit der großen Resonanz gerechnet. „Schon recht voll hier“, bemerkt er sichtlich erfreut, während sich der Raum um ihn herum immer mehr füllt und die Stimmung ausgelassener wird. Zufriedenheit strahlen die meisten Anwesenden aus. Zwischen dem eher älteren Publikum sticht eine junge Familie mit kleinen Kindern heraus. Dazwischen eilte eine Frau mit blauem T-Shirt an den gut besetzen Tischen vorbei: „So sehen Sieger aus“ lautet die Aufschrift. Während auf der Leinwand immer wieder die Wahlergebnisse erscheinen, bricht es aus einer Frau heraus: „Das ist Wahnsinn.“ eki/hgk/jk

Quelle: Badische Neueste Nachrichten | Karlsruhe | SONDERTHEMA | 25.09.2017