Neues zur Endlagersuche bei Karlsruher Atomtagen

Badisches Tagblatt: Experten berichten über die nächsten Schritte / KIT-Campus Nord gilt als derzeit größtes oberirdisches Zwischenlager in Deutschland. Von Stefan Jehle

Karlsruhe – Altes Spiel, neue Runde: Über drei Jahrzehnte hinweg versuchte der deutsche Staat, einen Salzstock bei Gorleben als Atommüll- Endlager durchzusetzen. Gorleben ist nun, das war am Wochenende groß in den Medien, seit Freitag ad acta gelegt. Das Erkundungsbergwerk wird endgültig stillgelegt. Jetzt ist die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) am Zug. Deren Geschäftsführer berichtete aktuell bei den sechsten Karlsruher Atomtagen über die weiteren Verfahrensschritte.

Zirka 27.000 Kubikmeter hoch radioaktive Abfälle gibt es in Deutschland, die in sogenannten Zwischenlagern untergebracht sind – etwa 60 Kubikmeter atomare Flüssigabfälle lagerten bis 2011 im KITCampus Nord, zwölf Kilometer nördlich von Karlsruhe, ehe sie nach Verglasung in Castor- Behältern in das Zwischenlager Nord bei Greifswald gebracht wurden.

Auch die schwach bis mittelaktiven Abfälle auf dem Campus Nord machen enorme Mengen aus. Die WAK Rückbau und Entsorgungs-GmbH (WAK GmbH) erweiterte ihre Lagerfläche erst jüngst auf 82.562 Kubikmeter. Der KITCampus Nord gilt damit als das größte oberirdische atomare Zwischenlager in Deutschland. Diese Charge soll in absehbarer Zeit in den Schacht Konrad bei Salzgitter.

Der Chef der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), Steffen Kanitz, legte jetzt in Karlsruhe Wert auf die Feststellung: „Es gilt das Verursacherprinzip, wir sind auch verantwortlich für den Verbleib unserer Hinterlassenschaften“. Kanitz hält den über Jahre anhaltenden Protest gegen Gorleben „für sachlich begründet“. Inzwischen sei man gemeinsam der Überzeugung, dass es bei einer Standortwahl „nicht um politische Willkür gehen dürfe, sondern um eine Auswahl nach klaren wissenschaftlichen Kriterien“.

Im September 2020 veröffentlichte die BGE einen „Zwischenbericht Teilgebiete“, in dem der Stand der Untersuchungen zu potenziellen Endlagern präsentiert wurde: Derzeit liegt der Fokus auf 90 Teilgebieten – und, noch arg grobmaschig, einer Suche auf 54 Prozent der deutschen Fläche. Auch in Baden-Württemberg gibt es vier solcher Teilgebiete, die potenziell infrage kommen. Das größte davon liegt im östlichen Württemberg, südlich angrenzend an Ulm.

Laut Kanitz, bis vor einiger Zeit noch CDU-Bundestagsabgeordneter, wurden erst jüngst – vor etwa zwei Wochen – die wissenschaftlich aufbereiteten Erkenntnisse in 20 Aktenordner übergeben. Es geht inhaltlich darum, ob in Tongestein oder in kristallinem Wirtsgestein, in entsprechender Tiefe ein entsprechendes Endlager denkbar wäre.

Bei den sechsten „Karlsruher Atomtagen“ – organisiert von der scheidenden Grünen-Bundestagsabgeordneten und bisherigen atompolitischen Sprecherin ihrer Fraktion, Sylvia Kotting-Uhl – ging es dabei inhaltlich vor allem um Verfahrensfragen, um Transparenz und Partizipation. Für Kotting- Uhl ist die seit 2017 operativ arbeitende Bundesgesellschaft für Endlagerung, die zu 100 Prozent im Besitz der öffentlichen Hand ist, ein wichtiges Argument für die gelingende Suche und zeitnahe Umsetzung eines nationalen Endlagers. Die heutige Struktur der Gremien hat sie mitentschieden. „Wir brauchen das Gegenteil von dem, was bei Gorleben falsch lief“, resümiert sie. „Der Standort muss der bestmögliche sein nach heutigem Stand und Wissen“, sagt Kanitz. Der 37-Jährige wollte sich dabei derzeit auch noch nicht auf eine Eingrenzung möglicher Standorte – denkbar wäre eventuell eine Drittelung der bisherigen 90 Suchräume bundesweit – einlassen. Kriterien für einen Standort sind die Mächtigkeit des Gesteins mit mindestens 100 Metern – und die Lage mindestens 300 Meter unterhalb der Geländeoberfläche. Eine Standortentscheidung ist bis 2031 geplant.

Zahl der Suchräume reduziert sich bald

Jorina Suckow als Vertreterin der jungen Generation im sogenannten „Nationalen Begleitgremium“, einer Art Aufsichtsgremium aus der Zivilgesellschaft für das Wirken der Bundesgesellschaft (BGE), geht ihrerseits davon aus, dass – so zitiert sie Experten – in absehbarer Zeit die Anzahl auf 25 bis 30 Suchräume reduziert werde. Als Endlager auch für schwach- und mittelstark radioaktive Abfälle von 303.000 Kubikmetern – das fast Vierfache dessen, was heute noch oberirdisch auf dem KIT-Campus Nord lagert. Noch nicht eingerechnet sind in diesen Mengen weitere 200.000 Kubikmeter radioaktive Abfälle, die in der Schachtanlage Asse, einem ehemaligen Salzbergwerk bei Wolfenbüttel/ Niedersachsen, zwischen 1967 und 1978, eingelagert wurden.

Quelle: Badisches Tagblatt – 20. September 2021

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