Nuklearforscher eröffnen ihren Neubau

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Startschuss für umstrittenes Labor im Herbst

Von unserem Redaktionsmitglied Elvira Weisenburger

Karlsruhe/Eggenstein-Leopldshafen. Die Protestnoten der Atomkraftgegner eilten ihr voraus, die Politprominenz traf gestern später zum Festakt am Institut für Transurane (ITU) ein. Baden-Württembergs grüner Umweltminister Franz Untersteller war ebenso zur Stelle wie EU-Kommissar Günther Oettinger (CDU) und die CSU-Europapolitikerin Monika Hohlmeier – und das nahmen Umweltschutzaktivisten den Grünen übel: „Die Landesregierung macht einen Kotau vor der Atompolitik Europas, um sich nicht der noch immer mächtigen Kritik der Atomlobby auszusetzen“, kritisierte die Bürgerinitiative Müll und Umwelt Karlsruhe.
Allerdings hatten die Atomkraftgegner das Tempo des europäischen ITU überschätzt: Es war nicht die „Grundsteinlegung“ für das umstrittene neue Großlabor der Nuklearforscher, zu der die Politprominenz anreiste, wie einige Gegner meinten. Feierlich eröffnet wurde hinter Sicherheitssperren der neue, 16 Millionen Euro teuere Bürotrakt – der erste große Baustein für die grundlegende Erneuerung des ITU, wie Direktor Thomas Fanghänel ausführte. „Die Büros mussten auch aus Sicherheitsgründen ausgesiedelt werden“, erklärte er. „Vor 50 Jahren, als das Institut gegründet wurde, hatte man die Büroräume noch im Labor mitangesiedelt. Das untersagt die Strahlenschutzverordnung heute.“ Sowohl die Baukosten als auch die 18-monatige Bauzeit lagen laut Fanghänel im geplanten Rahmen: „Das ist ja nicht mehr ganz so normal“, betonte er.
Der Bau des neuen Hochsicherheitslabors am ITU soll im Herbst beginnen – dieses Projekt auf dem Nord-Campus des Karlsruher Instituts für Technologie und auf den Gemarkungen Eggenstein-Leopoldshafen und Linkenheim-Hochstetten provozierte eine lange politische Auseinandersetzung. Für die atomrechtliche Genehmigung vom Land musste das EU-Institut schließlich die Höchstmengen der gelagerten radioaktiven Stoffe reduzieren – zum Beispiel von 180 Kilo Plutonium auf 80 Kilo.
Schlagzeilen schreibt das von der EU getragene Institut meist auch, wenn spektakuläre Fälle von Plutonium-Schmuggel oder andere radioaktive Funde bekanntwerden: Die ITU-„Atomdetektive“ sichern das hochgefährliche Material und die Spuren der Täter. Auch in die Krebsforschung sind Teile des 300-köpfigen ITU-Teams eingebunden: Mit Medizinern entwickeln sie Alphastrahlen-Therapien.
Umstritten ist die Frage, ob das ITU an der Entwicklung von Atomreaktoren der nächsten Generation beteiligt ist. Die ITU-Experten verweisen auf ihren Auftrag, Sicherheitsforschung an heutigen und künftigen Kernbrennstoffen zu leisten. Kritiker wie Sylvia Kotting-Uhl, atompolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, die gestern auch ans ITU kam, verweisen darauf, dass die neuen Brennstoffe „erst noch entwickelt werden müssen“ und folglich auch Sicherheitsforschung den Weg in eine neue Atomkraft-Ära ebnen helfe.

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