Offener Brief zur Zwischenlagerung von Castoren in Philippsburg

Offener Brief an Herrn Bürgermeister Martus in Philippsburg

Sehr geehrter Herr Martus,

als Mitglied im Umweltausschuss des Deutschen Bundestages und Karlsruher Abgeordnete möchte ich Ihnen auf Ihr Schreiben vom 24. Juli 2013 an den Bundestagspräsidenten antworten, in dem Sie mitteilen, dass der Gemeinderat der Stadt Philippsburg die Resolution der Gemeinde Oberhausen-Rheinhausen unterstützt, die eine Zwischenlagerung von fünf Castoren aus La Hague im Zwischenlager Philippsburg ablehnt.

Mit Inkrafttreten des fraktionsübergreifend beschlossenen Standortauswahlgesetzes am 27. Juli 2013 ist nun endlich der Weg frei für eine ergebnisoffene vergleichende Suche nach dem besten Standort für das Endlager für hochradioaktiven Müll in Deutschland. Der in La Hague und Sellafield aufgearbeitete und zurück kommende deutsche Atommüll muss bis zur Inbetriebnahme eines solchen Endlagers in Deutschland zwischengelagert werden. Da Gorleben als Zwischenlager für weiteren Atommüll nicht mehr zur Verfügung steht, hat neben der Landesregierung Schleswig-Holstein auch die Landesregierung Baden-Württemberg die Übernahme einiger Castoren zugesagt. Um Transportwege möglichst kurz zu halten, wäre es sinnvoll die fünf Castoren aus Frankreich zu übernehmen und im Zwischenlager Philippsburg einzulagern.

Ich teile Ihre Sorge, dass die Einlagerung radioaktiven Materials eine Belastung für Bürgerinnen und Bürger darstellt. Niemand hat gern vor seiner Haustür strahlenden Atommüll. Atommüll ist aber nun mal die Hinterlassenschaft der Produktion von Atomstrom – seine endgültige möglichst sichere Verwahrung wird uns noch Sorgen genug machen. Mit dem fraktions- und länderübergreifenden Beschluss zur vergleichenden Endlagersuche gilt es jetzt, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen und solidarische Lösungen sowohl für die Zwischenlagerung des radioaktiven Mülls wie für die Suche des bestgeeigneten Endlagerstandortes zu finden.

Das Atomkraftwerk Philippsburg I gehörte zu den risikoanfälligsten in Deutschland. Seine frühzeitige Abschaltung nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima bedeutet einen großen Sicherheitsgewinn für die Bevölkerung und überwiegt deutlich im Verhältnis zu der möglichen Belastung durch die Einlagerung von fünf Castoren.

Die Bürgerinnen und Bürger Ihrer Gemeinde werden nicht „hintergangen“, genauso wenig wie die Bürgerinnen und Bürger von Oberhausen-Rheinhausen. Sie bekommen deutlich weniger Müll zurückgeschickt – der sich nach der Wiederaufarbeitung natürlich nicht mehr trennscharf einzelnen AKW zuordnen lässt – als über viele Jahre hinweg aus den beiden Philippsburger AKW nach der Wiederaufarbeitung in Gorleben eingelagert wurde.

Und wenn Sie sich solche Sorgen um zusätzliche Belastung durch zusätzlichen Müll machen, Herr Bürgermeister Martus, muss ich Sie schon fragen, wo Ihr Aufschrei war, als die Laufzeiten für Atomkraftwerke verlängert wurden. Ich will Ihnen die Rechnung gerne aufmachen:

Im SWR Philippsburg I sind pro Betriebsjahr durchschnittlich 100 abgebrannte Brennelemente angefallen. Bei acht Jahren Laufzeitverlängerung wären das zusätzliche 800 abgebrannte Brennelemente und damit 16 zusätzliche Castoren gewesen.
Im DWR Philippsburg II fallen pro Jahr durchschnittlich 48 abgebrannte Brennelemente an. Bei 14 Jahren Laufzeitverlängerung wären das 672 abgebrannte Brennelemente und damit 36 zusätzliche Castoren gewesen.
Ich habe 2010 nicht vernommen, dass Sie sich gegen die durch die Laufzeitverlängerung zu erwartenden zusätzlichen 52 Castoren mit hochradioaktivem Müll wegen zusätzlicher radioaktiver Belastung Ihrer Kommune gewehrt hätten. Jetzt halten Sie fünf zusätzliche Castoren mit mittelradioaktivem Müll für unzumutbar. Das nenne ich scheinheilig!

Die Zwischenlagerung ist im Standortauswahlgesetz auf 40 Jahre begrenzt.
Je rascher in der Gesellschaft begriffen wird, dass es zukünftig darum geht ein Endlager zu finden und nicht mehr darum es im eigenen Raum zu verhindern, umso zügiger kann das Suchverfahren voran kommen und die 40 Jahre können eingehalten werden. Das heißt, der Schlusspunkt der Zwischenlagerung hängt direkt davon ab, wie schnell wir das hier leider übliche Sankt-Florians-Prinzip überwinden. Der erste Schritt dazu ist die Einsicht, dass der letzte zurück kommende Wiederaufarbeitungsmüll nicht mehr in Gorleben zwischengelagert werden kann und infolgedessen woanders gelagert werden muss. Wenn jede Standortgemeinde mit „Bei uns nicht!“ reagiert, ist das kein ermutigendes Zeichen für die Endlagersuche. Wenn Sie also wollen, dass die Bürgerinnen und Bürger Ihrer Gemeinde in überschaubarer Zeit so schnell wie möglich vom Zwischenlager befreit werden, sollten Sie mit dafür sorgen, dass das Standortauswahlgesetz umgesetzt und das Verfahren möglichst bald begonnen werden kann. Das wäre tatsächliche Verantwortungsübernahme für Ihre Kommune – und darüber hinaus für nachfolgende Generationen, für die wir in der Pflicht stehen das Problem einer Lösung zuzuführen.

Mit freundlichen Grüßen

Sylvia Kotting-Uhl

Print Friendly, PDF & Email

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://kotting-uhl.de/site/offener-brief-zur-zwischenlagerung-von-castoren-in-philippsburg/