Persönliche Erklärung zur Sterbebegleitung

Anlässlich der 2. Lesung zur Sterbebegleitung erklärt die Karlsruher Abgeordnete Sylvia Kotting-Uhl, Sprecherin für Atompolitik der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen:
Meine Haltung zu den vorliegenden vier Gesetzentwürfen, über die der Bundestag morgen abstimmt, hat sich seit der ersten Lesung nicht verändert. Auch meine eigene Veranstaltung in Karlsruhe, mit PodiumsteilnehmerInnen aus Kirche und Sterbehilfeverein und vielen ÄrztInnen, PalliativmedizinerInnen und AltenpflegerInnen unter den BesucherInnen hat mich in der Folge darin bestärkt, die Gesetzentwürfe alle abzulehnen.
Das Recht über das Ende des eigenen Lebens, soweit möglich, mitzuentscheiden, gehört für mich zum Selbstbestimmungsrecht und zur nach dem Grundgesetz unantastbaren Würde des Menschen. Denn wann und wodurch die eigene Würde angetastet wird, darüber hat jeder Mensch zu Recht seine eigene Anschauung, geprägt von Erziehung, sozialem Umfeld, Vorbildern und individueller Meinungsbildung. Der Staat hat die Aufgabe dafür zu sorgen, dass jede Form des Lebens zu jeder Zeit geachtet und respektiert wird (oft genug versagt er darin!), einen Zwang zu leben darf man daraus nicht ableiten.
Am Vortag der Entscheidung über die Sterbehilfe hat der Deutsche Bundestag die Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung beschlossen. Das ist ein guter Schritt. Niemand sollte das Ende des eigenen Lebens herbeisehnen müssen, weil er Schmerzen erleidet, die vermeidbar wären, und niemand sollte aus Angst alleine und elend sterben zu müssen das eigene Leben vorzeitig beenden wollen. Schwerstkranke Menschen sollen sich in der Gesellschaft aufgehoben fühlen, ihre Leiden sollen mit allen Mitteln der Palliativmedizin gelindert werden. Aber Wertschätzung des Lebens und Wahrung der Selbstbestimmung dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Die Angst vor Schmerzen und Alleinsein sind nicht die einzigen Gründe, aus denen ein Mensch den Wunsch zu sterben entwickeln kann.
In Deutschland ist die Beihilfe zum Suizid erlaubt, die aktive Sterbehilfe verboten. Einem Sterbewilligen darf also ein tödliches Medikament von Angehörigen, Freunden oder einem Arzt auf den Nachttisch gestellt werden, es darf ihm aber nicht verabreicht werden. Er muss es selbst einnehmen. Schon diese bisherige Regelung schränkt das Selbstbestimmungsrecht beim Sterben auf Menschen ein, die dazu in der Lage sind. Einem Tetraplegiker und jedem Anderen von einer lähmenden Behinderung oder Krankheit Betroffenen wird das Recht auf den selbstbestimmten Tod schon heute abgesprochen. Hier läge für mich Veränderungsbedarf der Rechtslage.
Alle Gesetzentwürfe mit dem notwendigen Quorum an UnterstützerInnen haben aber das Gegenteil im Sinn. In unterschiedlicher Tragweite wollen sie die erlaubte Beihilfe zum Suizid einschränken. Drei der Entwürfe wollen dazu das Strafrecht bemühen. Eventuelle Sterbehelfer werden in unterschiedlicher Ausprägung kriminalisiert. Ich halte dies für eine falsche Weichenstellung. Es macht einen Menschen, der nicht mehr leben will, einsam. Und es nimmt ihm die Chance, sich – wenn er die Wahl hat – frei für das Weiterleben zu entscheiden. Auch das kommt  nach vertrauensvollen Beratungsgesprächen immer wieder vor.
Ich halte es angesichts der vorliegenden Gesetzentwürfe für die beste Option, nichts zu beschließen, sondern bei der derzeitigen Rechtslage zu bleiben. Einen entsprechenden Antrag habe ich mit anderen zusammen eingereicht.

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