Kotting-Uhl, MdB, Bundestag, Bündnis 90/Die Grünen, Karlsruhe

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Reisebericht

Vom 17. bis 19. Mai begleitete ich Frau Ministerin Barbara Hendricks in Japan.

Da ich jenseits des sehr interessanten Programms der Delegation von Frau BMUB Hendricks eigene Termine wahrnehmen wollte, um mich über den Fortgang der japanischen Atompolitik auch von kritischer Seite aus zu formieren, reiste ich bereits am 16.5. an. An diesem Tag traf ich sowohl Mitglieder der kleinen Grünen Partei Japans wie auch den Generalsekretär der Atomaufsichtsbehörde NRA. Im Anschluss an die Delegationsreise hatte ich am 20.5. vor dem Rückflug noch ein Gespräch im Parlament mit Mitgliedern der atomkritischen Gruppe AKW Zero.

Dazwischen nahm ich an Terminen der Delegation teil.

Um das für mich wichtigste Fazit dieser Reise, die mich auch erneut auf das Gelände Fukushima Daichi brachte, schon hier zu ziehen: Nach meiner Einschätzung hat sich die japanische Regierung zum Ziel gesetzt, der Welt bei der Olympiade 2020 zu zeigen, dass man mit einem GAU leben kann.

 

Montag, 16. Mai 2016
14:55 Uhr Ankunft in Tokyo Haneda
17:30 Uhr Begegnung mit den Greens Japan
– Heiwa Hasegawa (Jap. Grüne)
– Aki Yamazaki (Jap. Grüne/International div.)
– Akiko Yoshida (FOE/Jap. Grüne)
– Masaya Koriyama (The Democratic Party/Jap. Grüne)

Das Gespräch mit den japanischen Grünen erfolgte in freundschaftlicher Atmosphäre, da ich alle vier Vorstandsmitglieder von früheren Besuchen in Japan bereits kannte. Auch Herr Hermann, der mich von der Botschaft aus begleitete und das auch schon in früheren Jahren getan hatte, war den anwesenden Grünen bekannt, so dass es keine Scheu gab sehr offen zu reden.

Die Grünen Japan stufen die Chancen auf einen Regierungswechsel und/oder Atomausstieg als sehr gering ein. Sie selbst werden bei den nächsten Wahlen gar nicht antreten, da Kandidaturen noch nicht im Parlament vertretener Parteien in Japan eine immense finanzielle Investition bedeuten und sie sich keine Wahlchancen ausrechnen, nachdem das Atomthema nicht mehr auf der öffentlichen Agenda stehe. Die Bevölkerung sei in Umfragen nach wie vor in großer Mehrheit für einen Atomausstieg, der Regierung sei es aber gelungen, zu suggerieren, dass sie den GAU von Fukushima im Griff habe. Die vielen graswurzelartigen Anti-Atom-Bewegungen, die es in NGOs, Kommunen und Wissenschaft gebe, seien nach wie vor nicht vernetzt.

 

Dienstag, 17. Mai 2016  
10:00 – 10:30 Uhr  Termin bei der Nuklearaufsichtsbehörde (NRA)
Generalsekretär Yasuhiro SHIMIZU

Bei meinem ersten Besuch in der Atomaufsichtsbehörde NRA im Jahr 2013 war ich angetan vom Schwung dieser Behörde, die – nun nicht mehr Teil des METI und auch räumlich nicht mehr im Regierungsviertel ansiedelt, sondern eigenständig und selbstbewusst – alles anders machen wollte als früher und auf höchste Sicherheitsstandards achten wollte. Diesen Schwung nahm ich diesmal so nicht mehr wahr. Sicher war die Stimmung in der NRA auch deshalb gekämpft, weil die Behörde gerade zwei Monate vorher von einem Gericht kritisiert worden war. Notfallpläne und technische Ausrüstung zweier Reaktoren im Atomkraftwerk Takahama, die nach Genehmigung durch die NRA ans Netz gegangen waren, genügten nicht den notwendigen Sicherheitsanforderungen. Das Gericht gab einer Klage von Bürgern Recht, die die Sicherheit des Kernkraftwerks bezweifelten. Nichtsdestotrotz versicherte mir der Generalsekretär der Behörde, sie legten „die höchsten Sicherheitsstandards der Welt“ an. Mein Eindruck ist leider, dass die große Ernsthaftigkeit, mit der der frühere Generalsekretär Ikeda seine Aufgabe ganz in der Lehre aus Fukushima anging, so bei seinem Nachfolger nicht mehr zu spüren ist.

                                        
12:00 – 13:00 Uhr Arbeitsessen (Japan-Briefing) mit Botschafter Freiherr von Werthern
15:00 – 16:00 Uhr Gespräche im japanischen Parlament
mit der regierenden Liberaldemokratische Partei (LDP) von Premierminister Abe
16:30 – 17:30 Uhr mit der führenden Oppositionspartei Demokratischen Partei (DP)
19:00 – 21:30 Uhr Empfang zu Ehren BM’in und Bundesministerin Wanka in der Deutschen
Botschaft

 

Mittwoch, 18. Mai 2016
Dt.-jap. Klimaschutzworkshops
9:00-9:30 Opening Speeches: “Perspective of Decarbonisation”


Minister Barbara Hendricks, Germany
Minister Tamayo Marukawa, Japan
9:30-10:40 Session 1: Japan’s challenge for deep cut of 
GHG toward 2050.

Speech 1-1: Shigemoto Kajihara
Director General, Global Environment Bureau (MOEJ)
“L2-Tech Japan Initiative “toward 26% reduction by 2030”
Speech 1-2: Masamitu Sakurai
Chairman of Japan Climate Leaders‘ Partnership
(Japan-CLP) / Executive Advisor,    RICOH COMPANY, LTD
Speech 1-3: Hironori Hamanaka
Chairman of The Institute for Global Environmental Strategies (IGES)
“Mid-to-Long Term Challenges and Solutions”
Q & A 
Break
10:50-12:00 Session 2: German’s role in developing climate technologies
including Climate Action Programme 2020, National Action
Plan Energy Efficiency and Climate Action Plan 2050.
Opening Remarks by Markus Schürmann
Delegate of German Industry and Commerce in Japan
Brief Introduction and Moderation Karsten Sach
Director General “Climate Change Policy, European and
International Policy”; German chief negotiator within UNFCCC
process
Speech 2-1: Harald Kohl
BMUB, Head of Division “Climate Technologies”: Policy Approaches
for Climate Technologies from the BMUB perspectives
Speech 2-2: Marius Backhaus
German Federal Ministry for Economic Affairs and Energy, Desk Officer
“Policy Approaches for Climate Technologies from the BMWi perspectives”
Speech 2-3: Peter Hennicke (15min)
Former President. of the Wuppertal Institute: Technologies for
Decarbonisation of the Energy System until 2050 including economic and
social compatibility
Q & A
Lunch
13:00-14:45 Session 3: Perspectives of domestic diffusion of low carbon
technologies: Compiling supporting and hindering issues from
business point of view on general issues and selected
technologies
Opening Remarks by Moderator by Hermann Falk
Executive Director, German Renewable Energy Federation.
Japan
Speech 3-1: Toru Inazuka
Senior Associate Officer /Deputy General Manager, Technology and
Innovation Center, DAIKIN INDUSTRIES, LTD.
“Diffusion of the heat pump technology including air conditioning
system in next generation”
Speech 3-2: Toshiki Shimizu
Head of Fuel Cell Business, Smart Energy System Division
Appliances Company Panasonic Corporation
“Evolution of a residential fuel cell unit „ENE-FARM“ and challenges
for further penetration”
Speech 3-3: Hitoshi Nomasa
Project Manager, MSZ, Mid-size Vehicle Company, TOYOTA MOTOR
CORPORATION
“Fuel Cell Vehicle MIRAI’s Development story & Fascination”
Germany
Speech 3-4: Walter Bornscheuer
Head of Research and Development, Viessmann Company
“The first Fuel-cell-based Micro-CHP in Europe A successful
Japan – German Partnership”
Speech 3-5: Kenichi Fujita
Head of Power and Gas, Wind Power and Renewables and Power
Generation Services
Speech 3-6: Sabine Nallinger
Foundation 2° – German CEOs for climate protection, Managing Director
“The Foundation 2°introduces itself”
Panel Discussion
Discussion with Audience
Japan and Germany present the superiority of individual technology and
case study (diffusion, challenges, good practice etc.)
Break
15:00-16:23 Session 4: Open Discussion on future cooperation including Challenges
and solutions to low carbon technologies transfer to developing countries
Opening Remarks by Kotaro Kawamata
Embassy of Japan
Germany
Speech 4-1: Yutaka Matsuzawa
Director of Climate Change Policy Division, Global Environment
Bureau, MOEJ
“Technology Transfer in Japanese JCM-Approach”
Speech 4-2: Harald Neitzel, BMUB
Federal Ministry for the Environment, Nature Conservation, Building and
Nuclear Safety, Deputy Director
“Technology Transfer in German IKI-Approach”
Statement by international organization
Speech 4-3: Norichika KANIE
Senior Research Fellow, The United Nations University Institute for the
Advanced Study of Sustainability (UNU-IAS)
“Law Carbon Technology Transfer: learning from experience of a few
developed countries”
Japan
Speech 4-4: Nobuhiro Kino
Director International Cooperation office, International Strategy Division,
Global Environment Bureau, MOEJ
“Challenges and Actions to Low Carbon Technologies Transfer in
Developing Countries”
Speech 4-5: Yuji Kimura
Executive Director, Head of Tokyo Office, Global Environment Centre
Foundation (GEC)
“Financing Program for JCM Model Projects“
Speech 4-6: Rabhi Abdessalem
Institute for Global Environmental Strategies (IGES)
Task Manager, Senior Policy Researcher
“Enhancing Stakeholders Matchmaking to Promote Low Carbon Technology
Transfer”
Germany
Speech 4-7: Karsten Sach, BMUB
Director General “Climate Change Policy, European and International Policy” ;
German chief negotiator within UNFCCC process
Speech 4-8: Peter Hennicke
Former President of the Wuppertal Institute
Speech 4-9: Heiwa Hasegawa
Senior Consultant, DEinternational
Q & A with the Audience
16:23 Final remarks
16:30 Closing

Leider konnte ich am Workshop Klimaschutz mit deutschen und japanischen Wissenschaftlern, bei dem auch der von der deutsch-japanischen Parlamentariergruppe unterstützte deutsch-japanische Kooperationsrat Energiewende von Professor Peter Hennicke vorgestellt wurde, nicht bis zum Schluss teilnehmen, da die deutschen Parlamentarier gebeten wurden, Staatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter zum Vize-Gouverneur von Tokio zu begleiten.

Das Gespräch war dann sehr interessant und zeigte die großen Bemühungen Tokios die CO2-Emissionen zu senken. Es gibt im Großraum Tokio so etwas wie einen Emissionshandel. Unternehmen und Büros sind verpflichtet ihre Emissionen zu senken. Bis zur Olympiade soll es Wasserstoff-Busse geben, alle Verkehrsampeln sollen mit LED ausgerüstet sein. Die Absicht Wasserstoff-Brennzellen in Haushalten zu subventionieren, scheint mir allerdings noch etwas Visionär.

 

17:00 Uhr  Fahrt mit Bus von Tokyo nach Iwaki
ca. 22:00 Uhr   Ankunft im Übernachtungshotel Iwaki

 

Donnerstag,  19. Mai 2016 
„Fukushima“-Tag
7:30 Uhr  Fahrt mit dem Bus zum J-Village
 9:00 Uhr Begrüßung durch ranghohen TEPCO Vertreter




Informationen zu den aktuellen Arbeiten auf dem Anlagengelände
Information zur Route über das Anlagengelände
Allgemeine Sicherheitsinformationen
Kontrolle der Pässe
9:40 Uhr Fahrt entlang der Bundesstraße B9 zum Anlagengelände

TEPCO Strahlenschutz ist ab hier immer zugegen und informiert über den
Anstieg der Ortsdosisleistung
Fahrt durch die Zonen 1, 2 und 3
10:25 Uhr Ankunft am Haupttor des Anlagengeländes (1F-VIP)


Anlegen von leichter Schutzkleidung
Erhalt der Personendosimeter
Durchgang durch Sicherheitsschleusen
10:50 Uhr Einstieg in den TEPCO-Bus
11:00 – 11:30 Uhr Rundgang im Main Anti Earthquake Building
kurze Ansprache von BM’in vor Mitarbeitern von TEPCO
und NRA On-Site Inspektoren im zentralen Kontrollraum
11:30 Uhr Rundfahrt über das Anlagengelände
Vorbeifahrt an den Lagerbehältern für kontaminiertes/gereinigtes
Kühlwasser; Haltepunkt an der Kühlwasserreinigungsanlage;
Haltepunkt auf kleiner Anhöhe mit Übersichtsblick über die Blöcke
1 bis 4; Fahrt entlang der Pazifikküste mit Blick auf die Maßnahmen
zur Verhinderung des Eintrags von kontaminiertem Wasser und Blick
auf das Maschinenhaus; Haltepunkt an der Vereisungsanlage;
Vorbeifahrt an den Blöcken 5 und 6
12:20 Uhr Rückkehr zum Haupttor des Anlagengeländes (1F-VIP)
Kontrolle der Kontamination, Personendosimeter werden von
TEPCO Strahlenschutz ausgelesen und abgegeben.
12:45 – 13:30 Uhr  Rückfahrt ins J-Village, Besprechungsraum
13:30 – 14:00 Uhr Abschlussfragerunde und Besprechung mit Mittagessen
14:00 Uhr  Ende der Besichtigungstour und Abfahrt im J-Village





Ankunft in Naraha
Fahrt zum Kap Tenjin (Das Kap wurde vom Tsunami heimgesucht.
Vom Kap aus kann man das KKW Fukushima II sehen.
Der Bürgermeister wird die Führung übernehmen)
Kranzniederlegung
Besichtigung einer provisorisch eingerichteten Einkaufsstraße
Begegnung mit Bürgern
Tomioka wird kurz gestreift, daher KURZER Stop dort, keine
echten Gespräche, nur Lagebesichtigung der Schäden durch Tsunami.
anschließend  Austausch mit Ortsvertretern
ca. 17:00-18:00 Uhr Gespräch mit dem Vize-Gouverneur und dem Bürgermeister
ca. 19:00 Uhr Ende der Tour in Naraha
ca. 20:00 Uhr Rückfahrt mit dem Bus nach Tokyo

 

Freitag, 20. Mai 2016  
09:00 Uhr Begegnung mit Abgeordneten aus der Parlamentariergruppe „AKW Zero“
Abg. Tomoko Abe u. a.

Frau Tomoko Abe, die ich mehrfach in Tokio und einmal in Berlin getroffen habe, ist Parlamentarierin und Ärztin. Sie macht sich große Sorgen um die Strahlenbelastung in der Folge des GAUs von Fukushima vor allem der Kinder, aber auch der auf dem Gelände Fukushima Daichi arbeitenden Menschen. Die Aussage von Tepco beim Besuch der Delegation von BMUB Hendricks, 7000 Arbeiter würden heute auf dem Gelände in einer sicheren Umgebung arbeiten, ist für sie als Ärztin nicht unterschreibbar. Die Arbeiter würden nicht vom Staat auf ihren Gesundheitszustand untersucht, beklagt sie, sondern von einer Vereinigung der Betreiber. Strenge Überwachung führe zu Personalmangel und werde deshalb nicht gemacht. Kinder der Präfektur litten unter Veränderungen der Schilddrüse. Bei rund 300.000 untersuchten Kindern sei bei 150 ein Schilddrüsenkarzinom festgestellt worden. Die Regierung spreche von einem „Screening Effekt“. Das halte sie für zynisch.

Wir sprachen des Weiteren über die Existenznöte der Bauern in der Präfektur Fukushima außerhalb der evakuierten Gebiete. Fukushima war vor allem Reisproduzent für Japan. Auch fünf Jahre nach dem GAU seien die Menschen, vor allem Mütter, ängstlich wenn es um Nahrungsmittel aus der Präfektur gehe. Alle produzierten Nahrungsmittel aus der Präfektur Fukushima würden gründlich untersucht, das steigere die Bereitschaft vieler Menschen diese zu kaufen aber nicht.

 

11:00 Uhr zum Flughafen
12:35 Uhr  Abflug von Tokyo Haneda