Rote Karte für Gorleben!

Kurzbericht Untersuchungsausschuss Gorleben

Der Untersuchungsausschuss hörte am 26. April 2012 den Zeugen Dr. Paul Krull, geladen von der Opposition.

Der Zeuge

Dr. Paul Krull ist Geologe und hat zu DDR-Zeiten beim Zentralen Geologischen Institut (ZGI) gearbeitet. Nach der Deutschen Wiedervereinigung wurde das ZGI in die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) überführt. Sein Arbeitsschwerpunkt lag bei der Tektonik, wobei er sich vor allem mit der Untersuchung von Salzstrukturen beschäftigte. Später untersuchte er auch Tongesteine als mögliche Wirtsgesteine für die Endlagerung. Paul Krull arbeitete bis zu seinem Ruhestand 2010 in der BGR-Außendienstelle in Berlin.
Dr. Paul Krull

Gesamtbilanz

Die heutige Befragung war sehr interessant. Paul Krull wurde ausführlich zu der Studie “Endlagerung stark wärmeentwickelnder radioaktiver Abfälle in tiefen geologischen Formationen Deutschlands – Untersuchung und Bewertung von Salzformationen” befragt, die er 1995 mit Dr. Franz Kockel erstellte. Die Ergebnisse der Studie, in der 41 alternative Salz-Standorte zu Gorleben untersucht worden sind, wurden damals vom Bundesumweltministerium (BMU) und der zuständigen Ministerin Dr. Angela Merkel als Beweis genutzt, dass sich Gorleben in dieser Studie als bester Standort erwiesen habe. Dr. Krull zeigte sich indessen überzeugt, dass man Gorleben gar nicht mit den Ergebnissen der Studie hätte vergleichen dürfen.

Zudem legte er dar, dass Gorleben bei Anwendung der von der BGR entwickelten Kriterien heute von ihm nur eine gelbe Bewertung bekommen würde (Bewertungsschema der untersuchten Salzstrukturen: rot: entspricht nicht den Vorgaben, gelb: entspricht annähernd den Vorgaben, grün: entspricht den Vorgaben). Drei Standorte erhielten damals eine grüne Bewertung und überträfen damit Gorleben. Durch die weitere Befragung der Grünen Obfrau im Ausschuss Sylvia Kotting-Uhl konnte sogar herausgearbeitet werden, dass nach den von der BGR angelegten Kriterien Gorleben eine rote Bewertung hätte bekommen müssen und damit die schon damals festgelegten Kriterien für einen Endlagerstandort nicht erfüllt.

Vergleichbarkeit der Alternativstandorte mit Gorleben

Dem Zeugen Paul Krull wurden zwei BMU-Pressemitteilungen vom Sommer 1995 vorgelegt, in denen die Ergebnisse seiner Studie thematisiert wurden. Beide Pressemitteilungen haben zum Tenor, dass alle untersuchten Ersatzstandorte sich entweder als nicht geeignet oder jedenfalls weniger geeignet als Gorleben herausgestellt hätten. In der Pressemitteilung vom 28. August 1995 zieht die damalige Bundesumweltministerin Dr. Angela Merkel daraus den Schluss: “Die Untersuchungsergebnisse der BGR zeigen für mich, dass es keinen Grund gibt nach Ersatzstandorten zu suchen. Gorleben bleibt erste Wahl”. Die Krux an der Geschichte ist, dass Gorleben in der Studie gar nicht mit untersucht wurde und somit auch kein Vergleich angestellt werden konnte. Dies bestätigte auch der Zeuge. Dr. Krull war der Ansicht, der Vergleich mit Gorleben hätte gar nicht erfolgen dürfen. Der Kenntnisstand der verschiedenen Standorte sei viel zu unterschiedlich gewesen. Es verbiete sich regelrecht Gorleben mit den Standorten aus seiner Studie zu vergleichen. Aus der Aktenlage geht hervor, dass dies bereits 1995 von Krulls Vorgesetzten Prof. Dr. Blümel in einem Schreiben an das BMU deutlich betont wurde: “Wir stellen noch einmal ausdrücklich fest, dass aus unseren Untersuchungen keine Vergleiche mit Gorleben gezogen werden dürfen”.

Diese Sichtweise der BGR hielt Angela Merkel allerdings nicht davon ab, die Standorte trotzdem miteinander zu vergleichen und somit den Anschein zu erwecken, als seien in der Studie vergleichende Untersuchungen durchgeführt worden, die den Schluss “Gorleben bleibt erste Wahl” zugelassen hätten. Paul Krull versuchte zu relativieren und meinte, dass die Umweltministerin unter bestimmten Annahmen diese Aussage vielleicht hätte treffen können. Wie Andere seine Studie interpretieren würden, läge auch nicht in seiner Hand. Eine Eignung oder Nicht-Eignung könne man aus den Ergebnissen allerdings nicht ableiten, so der Zeuge. Angela Merkels Aussage sei jedoch keine wissenschaftliche Feststellung gewesen, denn dann hätte man diese auch zu Papier gebracht.

In diesem Zusammenhang arbeitete die Grünen Abgeordnete Dorothea Steiner deutlich heraus, dass man für einen direkten Vergleich mit Gorleben selbstverständlich mehrere Standorte tiefergehend untersuchen müsste. Paul Krull reagierte auf die Aussage der Abgeordneten ironisch, ob man denn ihrer Meinung nach vier Salzstöcke, vier Tonstandorte und vier kristalline Standorte eingehend hätte untersuchen sollen? Die lapidare Erwiderung des Zeugen führte zu Erheiterung bei der Opposition, weil genau solche Überlegungen – wenn auch nicht in dieser Größenordnung- in der momentanen Endlagersuchdebatte diskutiert werden.

Nicht nur gelbe, sondern rote Karte für Gorleben!

Zur Einschätzung Gorlebens sagte der Zeuge aus, wenn er jetzt, Daumenschrauben angelegt bekäme und doch einen Vergleich der Standorte anstellen müsste, Gorleben von ihm die Farbe Gelb bekommen würde. “Gorleben würde die gelbe Karte bekommen”, so Paul Krull. Und das trotz der fehlenden und schützenden Tonschicht!  Sylvia Kotting-Uhl hielt dem Zeugen dann eine Tabelle aus seiner Studie vor, in der das Kriterium “Überdeckung im Scheitelbereich” detaillierter aufgeschlüsselt ist. Dabei wurde die vollständige Überdeckung des Salzstocks durch Unterkreide, Oberkreide, Alttertiär und Jungtertiär untersucht und mit Ja oder Nein gekennzeichnet. Der Zeuge bestätigte der Abgeordneten, dass bei Gorleben in keinem der vier Fälle eine vollständige Überdeckung vorliege. In Krulls Studie führte das Fehlen der vollständigen Überdeckung durch alle vier Gesteinsarten durchweg zu einer roten Bewertung der Standorte, die damit als “nicht den Vorgaben entsprechend” gekennzeichnet waren. Gorleben hätte mit vier Mal Nein in dieser Tabelle also nicht den Vorgaben entsprochen! Dieser Schlussfolgerung wollte der Zeuge nach deutlichem Zögern nicht zustimmen, wich in seinen Antworten aus und bezeichnete das Heranziehen und Anlegen dieser Tabelle als “Haarspalterei”.

Für die Grünen Abgeordneten ist der Schluss logisch, dass Gorleben anhand der Kriterien aus Krulls Studie nicht nur eine gelbe, sondern sogar eine rote Karte bekommen hätte!

Nächster Sitzungstermin

Die nächste Sitzung des Untersuchungsausschusses findet am 10. Mai 2012 statt, als Zeuge wird Michael Langer, ehemaliger Abteilungsleiter bei der BGR, gehört. Die Sitzung ist öffentlich, eine Anmeldung ist erforderlich.

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