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Töpfer kommt zu den Atomtagen

Badische Neueste Nachrichten

Fragen rund um Atomwirtschaft und Energien der Zukunft stehen bei den Karlsruher Atomtagen im Fokus. Zu der Veranstaltung wird unter anderem der Vorsitzende des Nationalen Begleitgremiums für die Endlager-Suche, der frühere Bundesumweltminister Klaus Töpfer, erwartet.

Im Interview mit den BNN betonte die Organisatorin der Veranstaltung, Grünen-Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl, Deutschland müsse sich stärker für das Ende der Atom-Ära in Europa engagieren.

„Richtig sind erneuerbare Energien“ – Interview

Zum dritten Mal veranstaltet die Karlsruher Bundestagsabgeordnete der Grünen, Sylvia Kotting-Uhl, ab heute die Atomtage in der Fächerstadt. Dabei diskutieren namhafte Experten die Zukunft von Atomwirtschaft und Entsorgung, darunter Klaus Töpfer, der Vorsitzende des nationalen Begleitgremiums zur Endlagersuche. Mit Sylvia Kotting-Uhl sprach BNN-Redakteur Wolfgang Voigt

In fünf Jahren werden in Deutschland die letzten Atomkraftwerke abgeschaltet, vielerorts läuft der Rückbau. Gehen Ihnen bald die Themen aus?

Kotting-Uhl: Überhaupt nicht. Der Rückbau findet unter großen gesellschaftlichen Schwierigkeiten statt, wir beginnen voraussichtlich im Herbst mit der gewaltigen gesellschaftspolitischen Aufgabe Endlagersuche. Die Zwischenlagerung wird zum Problem, weil die Genehmigungen auslaufen, bevor wir ein Endlager haben werden – all das sind wichtige Themen. Und auch um die Schrottreaktoren an unseren Grenzen müssen wir uns kümmern.

Die Suche nach einem Endlager ist beschlossen. Wie optimistisch darf man sein, dass es zu einem gesellschaftlichen Konsens kommt?

Kotting-Uhl: Wir haben die Voraussetzungen dafür so gut wie möglich geschaffen. Entscheidend ist, dass das Verfahren transparent ist. Wir werden es wohl nicht schaffen, dass die Bevölkerung vor Ort am Ende sagt: Hurra, wir kriegen ein Endlager. Es wäre schon viel erreicht, wenn das Verfahren nachvollziehbar ist, und die Menschen erkennen, dass der finale Standort der am besten geeignete ist. Ich bin froh, dass Baden-Württemberg den Anstoß zum Neustart mit der richtigen Haltung gegeben hat.

Die Länder Europas haben sehr unterschiedliche Prioritäten beim Thema Atomkraft. Warum gelingt es nicht, dass Europa hier mit einer Stimme spricht?

Kotting-Uhl: Die Atom-Präferenzen – auch in Teilen der EU-Kommission – sind mir nicht nachvollziehbar. Am Beispiel des britischen Standorts Hinckley Point zeigt sich, dass neue Atomanlagen wirtschaftliche Desaster sind. Der dort einmal produzierte Strom rechnet sich überhaupt nicht. Zumal, wenn man bedenkt, dass in wenigen Jahrzehnten die erneuerbaren Energien spottbillig sein werden. Ein Neubau macht heute keinen Sinn mehr. So kommen die europäischen Energiekonzerne nicht aus den roten Zahlen.

Welche Rolle sollte hier Deutschland spielen?

Kotting-Uhl: Deutschland muss viel stärker wieder Vorreiter sein; Deutschland wirbt in der EU nicht für den Ausstieg. Unser deutscher Kommissar ist ein Atomfreund. Auf europäischer Ebene fehlt die Stimme, die sagt, dass Europa einen anderen Weg gehen kann.

Das Bundesverfassungsgericht hat jüngst die Kernbrennstoffsteuer gekippt. Hat die Bundesregierung traditionell eine zu große Nähe zu den Atomkonzernen?

Kotting-Uhl: Immer wieder, denken Sie etwa an die Laufzeitverlängerung 2010. Es ist auch seltsam, dass die Kernbrennstoffsteuer so schlampig gemacht wurde, obwohl es von Seiten der Konzerne die Mahnung nach Verfassungskonformität gab. Jetzt haben die Steuerzahler den Schaden. Wir Grüne wollen die Kernbrennstoffsteuer wieder einführen – und zwar verfassungsfest.

Atomkraftwerke verhindern Treibhausgase. Kann man sich diesem Argument international entziehen?

Kotting-Uhl: Die Reduzierung von Treibhausgasen ist elementar wichtig. Aber die Antwort Atomkraft ist die falsche. Richtig sind erneuerbare Energien. Darauf muss Deutschland international hinwirken.

Wann sind erneuerbare Energien grundlastfähig?

Kotting-Uhl: Grundlast ist beim Blick auf das Energiesystem der Zukunft ein Begriff von gestern. Wir werden keinen Strom mehr brauchen, der beständig und schlecht regulierbar durch die Netze fließt. Schattenkraftwerke, die Sonne und Wind ergänzen, werden zukünftig Biomasse und Wasserkraft sein. Speichertechnologien müssen schnell besser gefördert und marktreif gemacht werden.

Welche Rolle spielt dabei die Technologieregion?

Kotting Uhl: Das KIT beispielsweise mit seinem Smart-Home-Projekt, Fraunhofer und viele andere Einrichtungen machen gute Arbeit. So sieht die Zukunft aus und deshalb unternehmen wir unsere Exkursion bei den Atomtagen diesmal zum KIT. Ich würde mir wünschen, dass das KIT seinen Fokus ganz stark darauf richtet und sein Engagement in der Atomforschung auslaufen lässt.

Sie selbst widmen sich diesen Themen seit Jahren. Überwiegt dabei Frustration oder Optimismus?

Kotting-Uhl: Eindeutig Optimismus. Ich habe als Oppositionspolitikerin viel erreicht. Das Standortauswahlgesetz und die Lex Asse habe ich aus der Opposition heraus maßgeblich beeinflusst; ich bin mit meiner persönlichen Bilanz zufrieden und mit dem, was wir als Bundestag in der Atompolitik in den letzten acht Jahren verankert haben. Aber es ist auch noch viel zu tun.

Quelle Badische Neueste Nachrichten | Karlsruhe | 06.07.2017

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